16
Mai
2008

Der hungrige Engel

Die Sonne hat sich verzogen nach Afrika, wo die Menschen hungern, wenigstens sollen sie nicht frieren. Hier in Deutschland hat der Himmel einen dicken grauen Teppich ausgerollt, und ich beschließe mein Leben zu verschlafen. Jeden Tag ein paar Minuten mehr, bis ich die magischen vierundzwanzig Stunden erreicht habe. Dann wache ich nie wieder auf und kann an solchen trüben Tagen wie heute auf dem Teppich mit kleinen Engeln tanzen, die ihre Hemdchen ausziehen, wenn es ihnen zu warm wird. Wäre ich ein Kätzchen, würde ich im Schlaf schnurren vor Wohlbehagen. Mein Magen ist in der ganzen Geschichte der Teufel, der gefährlich knurrt und genährt werden möchte.
Missmutig unterbreche ich mein Dasein als Taugenichts und stelle mich unter die kalte Dusche. Wenig später fallen auf der Straße dicke warme Tropfen aus dem Regenteppich auf mich nieder. Platsch, platsch macht es auf meiner Glatze, und ich vergrabe die Hände in den Taschen und schiele nach oben. Über den Wolken tanzen die Engel fröhlich Samba oder so was, und hier unten grollt Trauermusik.
Mein Magen fordert sein Recht. Ich lenke meine Schritte zum Bäcker, dort gibt es Rühreier mit Speck, Zwiebeln und Tomaten und warme Brötchen dazu. Der Kaffee ist so stark, dass er Tote erweckt. Die netten jungen türkischen Frauen kennen mich schon, da brauche ich nicht so viel zu erzählen. Wie immer, reicht aus.
An der Ecke gegenüber sitzt eine junge Frau auf einem Sims unter einem Gesträuch. Mein Blick streift sie gleichgültig, aber ihre Augen lassen mich stutzen. Die Augen sind so leer wie unergründliche Abgründe, jenseits der Trauer und Verzweiflung, es sind die Augen eines hungrigen Menschen.
Ich möchte beileibe nicht aufdringlich sein, niemand auf der Welt kann sich seiner Eindrücke sicher sein. Zuerst schaue ich weg, dann schaue ich noch mal hin. Ihr Blick ist traumverloren, er geht durch mich durch. Aber sie schaut mich immerzu an. Ihr Mund ist ernst und angemessen traurig. Aber es ist eine seltsame Traurigkeit, als wäre ganz weit hinten ein übermütiges Lachen versteckt, Sambamusik eben.
Nun, es ist eine junge Frau, trotz ihres Hungers eine schöne junge Frau, überirdisch schön, und ich bin ein alter dicker Mann mit Glatze. Würde ich sie ansprechen, würde sie ja das Schlimmste von mir denken, was meine Absichten betrifft – und sie hätte damit auch noch recht.
Möglichst unauffällig überquere ich die Straße und schaue mich dort noch einmal um. Ihr hungriger Blick ist mir gefolgt. So soll ich jetzt frühstücken am frühen Nachmittag? Ich bleibe stehen, um nachzudenken. Nacheinander schelte ich mich selbst als einen schlafmützigen Taugenichts, eine Tunichtgut und dann, wenn auch zugegeben widerwillig, als einen alten lüsternen Greis.
Dann schaue ich wieder zur der Schönen. Ihr Blick ruht mit einer gewissen lässigen Erwartung auf mich.
Gibt es hier in der Stadt keine jungen erfolgreichen Geschäftsmänner, dynamisch und mit schwarzer Limousine, die dieses Elend bemerken?
Scheinbar nicht. Seufzend überquere ich mich über die Straße und stelle mich vor die junge Frau, die mich anschaut, als hätte sie ein Lächeln zu zeigen, aber so weit sind wir ja noch nicht.
Guten Tag, dürfte ich Sie zum Frühstücken in die Bäckerei einladen?
Jetzt lächelt sie in einer zauberhaften Mischung aus Schmerz und Fröhlichkeit.
Sie steht auf, klopft sich ihre Hose ab und sagt, gern, das ist sehr nett von Ihnen.
Ich stecke die Hände in den Taschen und schlendre betont lässig wieder über die Straße zu der Bäckerei. Die Schöne folgt mir einen halben Schritt danach.
Rühreier mit Schinken, frage ich.
Sie nickt lächelnd.
Kaffee?
Sie nickt genau so.
Bitte zweimal Frühstück wie gewohnt, sage ich zu der freundlichen türkischen Frau.
Dann setzen wir uns in den Gastraum.
Ihr Blick geht verträumt auf die Straße. Sie hat wunderbar zarte Hände, die sie faltet. Betet sie zu einem Gott? Bedankt sie sich?
Ich habe das untrügliche Gefühl, ihr ist nicht nach einem Gespräch zumute – und schweige und schaue ebenfalls auf die Straße.
Als das Frühstück von der freundlichen jungen Türkin serviert wird, beginnt sie sofort zu essen. Ich bin noch nicht zur Hälfte fertig, da hat sie schon alles verputzt.
Möchten Sie noch ein Croissant und einen Saft, frage ich und lege die Gabel hin.
Sie nickt. Ich stehe auf, um zu bestellen. Sie hält mich plötzlich an der Jacke fest. Ich gucke sie an.
Ein Marzipancroissant, sagt sie leise und jetzt lächelt sie wirklich.
Im Nu hat sie auch das verdrückt.
Dann steht sie auf und deutet tatsächlich so etwas wie einen Knicks an. Ich bedanke mich.
Nachdenklich schaue ich ihr nach.
Später, zu Hause, werde ich noch einmal müde. Da ich ein Taugenichts bin, lege ich mich auf die Couch zu einem Schläfchen.
Im Traum sehe ich sie wieder. Sie zeigt mir die Strickleiter durch den Wolkenteppich.
Ich schlafe selig – und tanze Samba auf dem Teppich mit meinem Engel.
174

Nach dem Selbstmord

Sie stand vor ihm in weiter Entfernung, denn der Saal war sehr groß.
Er saß dort hinten in einem gewaltigen Sessel und hatte die Füße hochgelegt, der Sessel befand sich in einem schlechten Zustand, abgewetzte Polster, zerkratztes Holz. Seltsam, dass ihr das auffiel.
Sie tropfte. Mehr als das: Ganze Wasserbäche flossen von ihr ab. Sie stand schon in einer Lache. Na, kein Wunder, sie kam ja direkt aus dem Fluss. Zum Glück war der Boden gefliest. Übrigens auch verwahrlost, Sprünge, Risse. Ab und an fehlte eine Fliese. Sie scheinen hier ziemlich arm zu sein, dachte sie. Sie schaute nur deswegen ringsum, um seinen Augen auszuweichen, denn er blickte sie unverwandt an.
Schließlich hob sie ihren Blick, mein Gott, hatte er blaue Augen, und sie stellte die unvermeidliche Frage:
„Wo bin ich?“ In dem großen Saal piepste ihre Stimme, wie die eines Vogels, der nach seiner Mutter rief.
Er senkte seinen Kopf als wollte er mit seinen Augen wie flammende Speere in die ihren dringen.
„Im Himmel.“
Sie schrumpfte unter seinem Blick förmlich zusammen. Irgendetwas schien ihn zu stören. Er löste seinen Blick und schaute zur Seite, dann schnipste er mit dem Fingern seiner rechten Hand.
Plötzlich erschallten Posaunen wie ein Hallelujagesang, ein Tusch.
„Na“, er knurrte, „warum nicht gleich so, ihr scheint dahinten zu träumen.“
Seine unwillig zusammengezogene Stirnfalte, o, er konnte auch anders sein, glättete sich wieder. Er wandte sich wieder ihr zu.
Sie atmete schwer, aber die Zeremonie musste wohl sein.
„Bist du der liebe Gott?“
Er lächelte ein wenig. Na, wer sollte er sonst sein: Großer dicker Mann, weißer Vollbart, schneeweißes Haupthaar, die blauen Augen, eine dicke Knollennase und wulstige Lippen.
„Dann bin ich wirklich im Himmel gelandet?“
„Nein“, er antwortete knapp entschieden, „ich war nicht korrekt, du bist im Vorhof, hier beschließe ich, wo du hinkommst, in den Himmel oder in die Hölle.“
Sie hauchte nur noch.
„Die Hölle, ist die schlimm?“
„Schlimmer als du denkst.“ Das war sehr streng.
Am liebsten würde sie sich in eine dieser klaffenden Fugen verkriechen.
Schweigen füllte den großen Raum , als würde es die Luft zum Atmen verdrängen. wie er sie anschaute, o Gott im Himmel.
Auf einmal sagte er:
„Mann, bist du nass.“ Und er wandte sein Haupt wieder nach rechts über die Schulter.
„Kommt mal jemand her?“
Ein Engel erschien wie aus dem Nichts geboren. Der Engel war schön. er hatte leuchtendes goldenes Haar, weiße Flügel, ein rosiges Gesicht, lachende Augen wie funkelnde Sonnenstrahlen und einen lächelnden Mund. Sie konnte kein Blick von ihm abwenden.
„Hol doch mal ein Handtuch und trockene Sachen für sie“, sagte Gottvater.
Der Engel beugte sich über Gott und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Er ballte die Fäuste und schlug auf die Lehnen, dass es staubte. Er war echt wütend, sie aber dachte erleichtert, das gilt nicht mir.
„Ich weiß, dass die Kleiderkammer so gut wie leer ist, dann müsst ihr eben“, er hob seine Hand schwungvoll in ihre Richtung, „dann müsst ihr eben suchen. Guck doch selbst, dieser nasse Spatz da!“
Der Engel verneigte sich demütig, aber wenn sie sich nicht täuschte, warf ihr der Engel einen spöttischen Seitenblick zu. Er machte sich doch nicht etwa lustig über den lieben Gott?
Jedenfalls verschwand der schöne Engel genau so schnell und lautlos wie er gekommen war. Und zwei Sekunden später, einen Wimpernschlag lang, war der Engel an ihrer Seite. Er legte ein Päckchen Kleidung auf den Boden neben die Wasserlache und verbeugte sich freundlich. Noch ein strahlender Augenaufschlag extra für sie, hatte er gezwinkert ? Und er war wieder verschwunden, zurück ins Nichts, ganz schnell.
Oben auf dem Päckchen lag ein Handtuch, nicht gerade flauschig, eher ein Stück derbes Leinentuch.
Sie sah zu Gott hoch.
„Nun“, er brummte und hob auffordernd die Hand, „bitte schön, wechsle deine Sachen.“
Sie zögerte.
„Hier?“
Gott schaute sie fragend an. und dann stieg ihm doch eine zarte Röte ins Gesicht. Gott errötete!
„Ja, du meine Güte, du kannst auch hinter meinen Sessel gehen, da ist jetzt niemand.“
Er räusperte sich.
Sie nahm das Päckchen samt Handtuch unter den Arm und schlurfte, eine nasse Schleifspur hinter sich lassend, an den Thron vorbei. Sie hob erst gar nicht den Kopf, um ihm nicht ins Gesicht zu sehen. ich wette, er grinst, dachte sie bei sich. Hinter seiner Rückenlehne war tatsächlich niemand zu sehen. Sie zog sich splitternackt aus und rubbelte sich mit dem rauen Tuch trocken und warm.
Die trockenen Sachen waren ein Witz. Solche Unterwäsche hatte wahrscheinlich einst ihre Urgroßmutter getragen. Und das weiße Leinenkleid erwies sich als drei Nummern zu groß. Auf die Holzpantinen verzichtete sie, da zog sie lieber ihre nassen modernen Sandalen an.
Sie erschien wieder vor dem Herrn.
Er hatte die Augen geschlossen. hielt er ein kleines Nickerchen?
Aber sobald sie ihre alte Position eingenommen hatte, öffnete er die Augen und sah sie von oben bis unten an.
„Schon besser.“ Er lächelte sogar ein wenig.
Dann aber straffte sich sein ganzer Körper, und er zeigte ihr sein strenges Gesicht.
„Du hast dir also selbst das Leben genommen“, jetzt stand er sogar auf zu seiner ganzen gewaltigen Größe, und seine Stimme donnerte geradezu „dazu hattest du kein Recht, denn dein Leben gehört nicht dir, sondern mir, darum musst du in die Hölle.“
„In die Hölle?“ Sie war ganz klein und hauchte die Worte.
Gottvater schlug sorgfältig sein weites Gewand zusammen, und er setzte sich, betulich wie es eben ein alter Mann macht, wieder hin. Seine Gesichtszüge wurden wieder freundlich.
„Nun, wir werden sehen.“
Sie schöpfte Hoffnung und richtete sich auf und wagte einen koketten Augenaufschlag.
„Siehst du die Wand?“ Sein linker Arm hob sich, und er wies mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Richtung.
Sie schaute zuerst auf den Finger. genau wie der von Michelangelo, dachte sie atemlos. Dann folgten ihre Augen gehorsam, und sie sah eine riesige Wand mit vielen, vielen Sanduhren.
„Warte mal“, Gott brubbelte vor sich hin, als rechnete er. Schließlich sagte er:
„Zehnte Reihe von oben, die vierte links, findest du sie?“
Sie zählte brav und antwortete: „Ja, lieber Gott.“
Sie bemühte sich natürlich, einen guten Eindruck zu machen.
„Das ist deine Lebensuhr.“
„Sie ist ja noch fast voll.“
„Ja“, er murmelte, „noch fast voll.“
Er ließ sich gegen die Lehne seines Thrones fallen und streckte sich etwas, als hätte er Rückenschmerzen.
„Warum hast du dir das Leben genommen?“
„Aus Liebeskummer.“
Gott stützte den Arm auf und zupfte mit Daumen und Zeigefinger an sein Ohrläppchen.
„Aus Liebeskummer, natürlich, war eine dumme Frage, was sollte so eine wie du sonst für einen Grund haben?“
Gott dachte nach.
„Hast du auch Gedichte geschrieben?“
Sie senkte den Kopf und sprach kleinlaut, gewissermaßen in den Fußboden hinein:
„Tausende.“
Es folgte ein großes Schweigen, eine lange, lange, bedrückende Pause.
Endlich hob sie wieder die Augen und traf natürlich seine blitzenden Pfeile.
„Tausende?“ Gott flüsterte nun auch. Sie meinte, sein ungläubiges Staunen herauszuhören.
Er räusperte sich dreimal.
„Ich, dein Gott, habe nun folgende Entscheidung getroffen und hebe die ursprüngliche vorläufig auf“, er ließ eine wirkungsvolle Pause folgen, in der ihr kleines Herz ein furioses Trommelsolo schlug, „du bekommst einen vorläufigen Engelpass.“
„Einen vorläufigen Engelpass?“
„Ja, das bedeutet, du gehst zurück zur Erde und hast den Auftrag, einem Menschen das Leben zu retten, aber jemand“, Gott hob seine Stimme, „der sich nicht selbst das Leben nehmen will. Schaffst du es, hol ich dich zurück, und du kommst in den Himmel.“
Sie wäre fast umgefallen. Eine Chance, das war eine Chance.
„Nun?“ fragte Gott.
„Das ist okay“, antwortete sie keck.
„Okay“, Gott wiederholte das Wort und grinste breit über das ganze Gesicht.
„Was wäre eigentlich die Hölle für mich?“ Das wollte sie noch wissen.
„Jemand liest dir deine Gedichte vor, in Ewigkeit, immer, immer wieder.“
„O Gott“, stammelte sie nur.
Damit war sie entlassen.

Es war an einem Donnerstag, als ich sie traf. Ich hatte in einem Antiquariat gerade „Die Welt als Wille und Vorstellung“ kostengünstig erworben und eilte voller Vorfreude, das Buch unter dem Arm, heimwärts.
Als ich die Straße betrat, fühlte ich plötzlich eine leichte Hand auf meine Schulter und hörte gleichzeitig die Bremsen eines riesigen Lasters quietschen. Ich schaute mich um und sah ihr Gesicht.
„Pass doch auf“, sprach sie, „beinahe hätte dich das große Auto überfahren.“
Sie lächelte überirdisch schön...
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mukono - 20. Jun, 00:54
danke
ich bin sehr angenehm überrascht über diese...
mukono - 5. Jun, 02:04
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mukono - 5. Jun, 00:54
Die Zukunft gehört...
dann wird man eben Laptops herstellen, die sich wie...
mukono - 25. Mai, 13:10

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