Erinnerungen 31
Endlich ist die Luft einmal klar wie der frische Atem eines Babys und nicht drückend schwül wie der eines alten Mannes, der zudem auch noch zuckerkrank ist. Leichtfüßig gehe ich spazieren und zähle die Schritte nicht mehr ,als wäre ich ein Marathonläufer vor dem Ziel. Der Weg ist noch weit, wenn man Glück hat.
Erst die Bekanntschaft mit B. hat mich zurück geholt ins Leben. Nach dem Tod von E. wollte ich wohl nicht mehr leben wie der englische Patient in den Binden. Ich fühlte mich damals auch so, als wäre ich eine Mumie. Aber wir können selbst unser Ende nicht bestimmen, als wären wir die Regisseure unseres eigenen Lebensfilms.
Es ist unermesslich, was diese Frau geleistet hat, ein Todgeweihter wurde zurück geholt ins Leben. Natürlich kann der Selbstmörder sein Leben beenden, doch das ist gegen die Natur. B. hat mich gelehrt, noch einmal Ja zum Leben zu sagen. Sie ist auf Reisen, vielleicht auf der Suche zu sich selbst, ich erwarte sie zurück in der mir so geliebten Heiterkeit.
Auf dem leeren Spielplatz laden die Bänke zum Sitzen ein. Auch B. konnte nur offene Türen einrennen, keiner von uns ist ein Übermensch...
Die kleinen Wolken segeln im Himmels blau wie Notiz Zettel, die beschrieben werden wollen. Ich übe mich in Tagesträume zu denken, vielleicht fallen mir ja ein paar Sätze ein, die darauf Platz haben. Auf den Zetteln. In einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist, das ist zwar eine zweifelhafte Aussage... aber klingt gut, wie so manche Plattitüde.
Es gibt die Hygiene des Körpers und die Hygiene des Geistes, gesunde Ernährung und Reinigung sind die einfachen Dinge und die Grundlage, die Grundlage dafür auch das Denken zu kontrollieren, und darauf kommt es an. Die Wahl der geistigen Nahrung ist mindestens so wichtig wie die Vollkornnahrung für den Diabetiker. Wer sich damit begnügt Werbezettel von Supermärkten zu lesen oder tagsüber Daily soaps konsumiert wie die immer gleiche dünne Kohlsuppe, braucht sich nicht zu wundern, wenn er verkümmert wie ein Tabletten abhängiger. Das wahre Problem unserer Zeit sind die kranken einsamen Menschen., die geistig darben.
Träge lasse ich die Gedanken mit den Wolken reisen.
Ein großer, grauhaariger, leicht gebeugter Mann mit einem müden Gesicht spricht mich an, ob neben mir der Platz noch frei wäre. Ich antworte, ja, natürlich und versuche mich nicht stören zu lassen. Wenn er schwatzen möchte, habe ich immer noch die Möglichkeit meine Hörgeräte ausschalten zu können, mein Privileg in diesem Leben.
Ein Blick belehrt mich, er will nicht schwatzen, er will rauchen und schweigen und traurig sein.
Alles in einem Menschen ist nur das Wollen und natürlich die Vorstellung, überlege ich. Die Erkenntnis und der Wille zur Veränderung. Man müsste mal wieder Schopenhauer lesen. Neulich sah ich im Fernsehen eine Sendung über unsere Art der Wahrnehmung. Schon ein einfacher Versuch zeigt, dass wir nicht in der Lage sind einen wirklich existierenden schwarzen Punkt auf einem weißen Blatt zu erkennen, wenn wir es dicht vor die Nase halten. Wer zu dicht dran ist, erkennt die Welt nicht mehr, oder die Welt ist anders, als du denkst. Da jeder Mensch anders wahrnimmt, gibt es nicht nur eine Welt, sondern Millionen Welten.
Orwell überkam einst die Erkenntnis, dass er daran beteiligt ist eine Welt zu zerstören, als er einen indischen Rebellen zur Hinrichtung abführte. Immerhin konnte ich dieses lesen, als mir nach der Wende auch Orwells Bücher unter die Nase kamen.
Ich erinnere mich. 1989 gleich nach dem Mauerfall besuchten wir einen ehemaligen Arbeitskollegen von mir, der Mitte der achtziger Jahre nach dem Westen ausreiste. Stolz berichtete er, wie schön das Leben im goldenen Westen ist, da ja nun für uns alle das Paradies geöffnet sei. So genieße er es mit seiner Frau, die Werbeangebote zu studieren, denn die Auswahl wäre unergründlich groß, man käme gar nicht aus dem Vergleichen heraus, was denn nun am günstigsten sei – und dann führen sie jeden Samstag mit dem Auto von Supermarkt zu Supermarkt...
Ich sah ihn zweifelnd an, mit seinen blauen Augen schaute er wie ein Schaf. Einst diskutierten wir über den Einfluss von Hemingway auf die lateinamerikanische Literatur, insbesondere auf Marquez.
Er bestand darauf, zwei Tage nach dem denkwürdigen Tag, an dem die kommunistische Welt zusammen brach wie ein Kartenhaus, uns das fabelhafte Westberlin zu zeigen und führte uns schnurstracks in ein großes Kaufhaus. Unten befand sich die Lebensmittelabteilung. Bei den Backwaren gingen wir kilometerweit an Glasvitrinen vorbei mit immer anderen Pfannkuchen, gestapelt wie die Pyramiden in Ägypten. Mit Guss, ohne Guss, mit Zucker, ohne Zucker, verschiedene Konfitüren und Liköre die Füllungen, groß wie Melonen und klein und rund wie Weintrauben, eckige und rechteckige, kegelförmige wie Tüten, und dazwischen sogar normale groß wie Schneebälle die Formen, weiße, braune, gelbe, selbst blaue waren dabei... verzweifelt sah ich meinen ehemaligen Freund an. Wozu braucht es so viele Pfannkuchen?
Ist doch toll, strahlte er. Und dann sagte er etwas, was mich schlichtweg schockierte. Weißt du, was mich hier nur stört?
Nein.
Wenn die Pollaken einkaufen kommen und die ganzen Gehwege vor dem Kaufhaus voller leerer Pappkartons sind. Ich holte tief Luft und erwiderte, voll und leer aneinander gereihet ist eine interessante Wortkombination.
Später beschloss ich mit U., meiner damaligen Frau, diesen Menschen nicht mehr zu besuchen. Auch eine Form von Hygiene, mindestens so wichtig wie das abendliche Zähne Putzen: Menschen die das Wort „Pollaken“ benutzen, sollte man meiden...
U. grauste sich vor diesem Kaufhaus, sie grauste sich vor dem ganzen Westen, und irgendwann allein machte sie dann dem Grauen ein Ende. Das ist auch eine Wahrheit.
In diesem Moment fühle ich, dass der Mann mit mir sprechen möchte. Ich drehe meinen Kopf und sehe seinen traurigen Blick.
Sind Sie oft hier?
Bisher nicht, sage ich, vor zwei Wochen waren meine Freundin und ich hier mit meinen beiden Enkeln, und wir spielten mit Begeisterung das Oma und Opa Sein.
Und jetzt, will er wissen.
Sind die Enkel wieder in Irland.
Und ihre Freundin?
Ich zögere etwas.
Dann entschließe ich mich zu antworten. Meine Freundin ist auf Reisen.
Er lächelt etwas dünn. Sie sind nicht mitgefahren?
Nein, ich lächle auch, er wirkt so traurig, wir leben getrennt. Und ab und an nehmen wir eine Auszeit voneinander.
Dann schweigt er.
Trotzdem, sage ich, habe ich sie aber sehr lieb. Ich habe das unbedingte Gefühl, das äußern zu müssen.
Plötzlich sagt er, ich hatte einen Fehler gemacht.
Welchen denn, frage ich.
Ich bin mit meiner Freundin zusammen gezogen.
Und was ist daran der Fehler, will ich nun wissen.
Ich lebe in unserer Wohnung wie ein Bild an der Wand.
Das ist ein Witz, sage ich spontan.
Nein, nein, er winkt müde ab, das trifft es genau, ich bin so eine Art Schmuck. Wenn Freunde oder ihre Kinder kommen, sagen sie, er passt gut hier rein und sie meinen mich.
Auf einmal verstehe ich seine ganze Traurigkeit.
Und dann kommen Sie manchmal auf den leeren Spielplatz, um zu rauchen.
Ja.
Auf den Heimweg denke ich an den traurigen Raucher auf dem Spielplatz ohne Enkelkinder. Irgendwie erinnert er mich an den Fänger im Roggen. Ein alt gewordener Fänger im Roggen.
Ich war noch ein Kind, als ich dieses Buch las. Meine Schwester borgte es mir. Ab dann waren wir Freunde, meine Schwester und ich, sozusagen Verschwörer der guten Literatur, aber das ist eine andere Geschichte. Damals in der DDR war das Lesen wichtig fürs Überleben. Für mich als Kind schon.
Zu Hause öffne ich das Laptop. Sofort springt mich eine Psychoseite an, die ich wohl als letztes angesehen hatte in meiner unstillbaren Neugierde, die vor nichts halt macht. Das ist das Hobby und der Markt unserer Zeit in diesem Lande im Internet. Die Nutzer vor allem der weiblichen Art lieben die Beschäftigung mit solchen Psycho-Dingen, wie die Bewohner einer goldenen Insel sich mit den Nichtsnutz spielen beschäftigen, während ringsumher die Welt verelendet. Ich lese ein Horoskop:
„Drängen Sie sich Ihren Mitmenschen heute nicht auf, und seien Sie vorsichtig mit Ihren Äußerungen. Sie selbst sind vielleicht in der Laune, heute kein Blatt vor den Mund zu nehmen und alles offen und ehrlich herauszuplappern. Sie sollten aber unbedingt Rücksicht nehmen auf die Stimmung Ihrer Gesprächspartner, bevor Sie Ihren Mund öffnen. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass die Anderen harte Kritik heute vertragen. Nehmen Sie Ihre Mitmenschen so wie Sie sind und ermutigen Sie sie lieber statt sie ihnen ihre Fehler vorzuhalten.“
Wow, aber ich dränge mich niemanden auf. Bei näherem Hinsehen entdecke ich, das ist für die Widder, ich bin aber ein Fisch.
Gestern galt schon für die Widder die Ermunterung zur Kreativität, zum Beispiel einen Roman zu schreiben oder ähnliche Kleinigkeit, nur für Widder...übrigens ein sehr seltsamer Deutsch.
Eine Kommentatorin verlautbart sich:
„Alles, was man gegen sein Gefühl und gegen sein inneres Wissen tut, anderen zuliebe, ist nicht gut und muß früher oder später teuer bezahlt werden.“
Das weiß man doch, oder. Das wird doch nicht B. gewesen sein? Doch sie ist ja auf Reisen.
Ich hole aus dem Bücherregal den Schopenhauer und blättere. Ein Satz springt mich an wie eine Offenbarung:
„Wer hingegen der Kantischen Philosophie sich nicht bemeistert hat, ist nämlich in demjenigen natürlichen und kindlichen Realismus befangen geblieben, in welchem wir Alle geboren sind und der zu allem Möglichen, nur nicht zur Philosophie befähigt.“
Wir sind heutzutage zu allem Möglichen befähigt, besonders dazu das Leben zu organisieren... darüber vergessen wir das Leben selbst, oder. Wer, frage ich mich, liest heute noch Kant? Wer ist überhaupt noch zur Philosophie befähigt?
Alter Knurrbär Schopenhauer, guter Mann...
Aus dem Laptop klingt ein kleines anschwellendes Heulen, als ob eine U-Bahn einfährt.
J., die kleine Träumerin meldet sich über Skype aus Irland.
Ich logge mich ein.
Was hast du da für ein neues Bild, fragt das Kind den Papa, macht das bloß weg, mich gruselst.
Warum denn das, frage ich verwundert.
So schaust du immer, bevor deine Wut ausbricht. Ich kenne das noch von meiner Kindheit, fürchterlich.

Nee, nicht wirklich...
Lass mich in Ruhe, sage ich und stehle mir nicht meine Zeit zum Schreiben, gibt es etwas wichtiges?
J. grinst, ja schreib nur, schreib, aber mal was Gutes, die letzten Texte ließen ja zu wünschen übrig.
Ach, die Jugend ist auf der anderen Seite des Flusses und spottet über uns.

Erst die Bekanntschaft mit B. hat mich zurück geholt ins Leben. Nach dem Tod von E. wollte ich wohl nicht mehr leben wie der englische Patient in den Binden. Ich fühlte mich damals auch so, als wäre ich eine Mumie. Aber wir können selbst unser Ende nicht bestimmen, als wären wir die Regisseure unseres eigenen Lebensfilms.
Es ist unermesslich, was diese Frau geleistet hat, ein Todgeweihter wurde zurück geholt ins Leben. Natürlich kann der Selbstmörder sein Leben beenden, doch das ist gegen die Natur. B. hat mich gelehrt, noch einmal Ja zum Leben zu sagen. Sie ist auf Reisen, vielleicht auf der Suche zu sich selbst, ich erwarte sie zurück in der mir so geliebten Heiterkeit.
Auf dem leeren Spielplatz laden die Bänke zum Sitzen ein. Auch B. konnte nur offene Türen einrennen, keiner von uns ist ein Übermensch...
Die kleinen Wolken segeln im Himmels blau wie Notiz Zettel, die beschrieben werden wollen. Ich übe mich in Tagesträume zu denken, vielleicht fallen mir ja ein paar Sätze ein, die darauf Platz haben. Auf den Zetteln. In einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist, das ist zwar eine zweifelhafte Aussage... aber klingt gut, wie so manche Plattitüde.
Es gibt die Hygiene des Körpers und die Hygiene des Geistes, gesunde Ernährung und Reinigung sind die einfachen Dinge und die Grundlage, die Grundlage dafür auch das Denken zu kontrollieren, und darauf kommt es an. Die Wahl der geistigen Nahrung ist mindestens so wichtig wie die Vollkornnahrung für den Diabetiker. Wer sich damit begnügt Werbezettel von Supermärkten zu lesen oder tagsüber Daily soaps konsumiert wie die immer gleiche dünne Kohlsuppe, braucht sich nicht zu wundern, wenn er verkümmert wie ein Tabletten abhängiger. Das wahre Problem unserer Zeit sind die kranken einsamen Menschen., die geistig darben.
Träge lasse ich die Gedanken mit den Wolken reisen.
Ein großer, grauhaariger, leicht gebeugter Mann mit einem müden Gesicht spricht mich an, ob neben mir der Platz noch frei wäre. Ich antworte, ja, natürlich und versuche mich nicht stören zu lassen. Wenn er schwatzen möchte, habe ich immer noch die Möglichkeit meine Hörgeräte ausschalten zu können, mein Privileg in diesem Leben.
Ein Blick belehrt mich, er will nicht schwatzen, er will rauchen und schweigen und traurig sein.
Alles in einem Menschen ist nur das Wollen und natürlich die Vorstellung, überlege ich. Die Erkenntnis und der Wille zur Veränderung. Man müsste mal wieder Schopenhauer lesen. Neulich sah ich im Fernsehen eine Sendung über unsere Art der Wahrnehmung. Schon ein einfacher Versuch zeigt, dass wir nicht in der Lage sind einen wirklich existierenden schwarzen Punkt auf einem weißen Blatt zu erkennen, wenn wir es dicht vor die Nase halten. Wer zu dicht dran ist, erkennt die Welt nicht mehr, oder die Welt ist anders, als du denkst. Da jeder Mensch anders wahrnimmt, gibt es nicht nur eine Welt, sondern Millionen Welten.
Orwell überkam einst die Erkenntnis, dass er daran beteiligt ist eine Welt zu zerstören, als er einen indischen Rebellen zur Hinrichtung abführte. Immerhin konnte ich dieses lesen, als mir nach der Wende auch Orwells Bücher unter die Nase kamen.
Ich erinnere mich. 1989 gleich nach dem Mauerfall besuchten wir einen ehemaligen Arbeitskollegen von mir, der Mitte der achtziger Jahre nach dem Westen ausreiste. Stolz berichtete er, wie schön das Leben im goldenen Westen ist, da ja nun für uns alle das Paradies geöffnet sei. So genieße er es mit seiner Frau, die Werbeangebote zu studieren, denn die Auswahl wäre unergründlich groß, man käme gar nicht aus dem Vergleichen heraus, was denn nun am günstigsten sei – und dann führen sie jeden Samstag mit dem Auto von Supermarkt zu Supermarkt...
Ich sah ihn zweifelnd an, mit seinen blauen Augen schaute er wie ein Schaf. Einst diskutierten wir über den Einfluss von Hemingway auf die lateinamerikanische Literatur, insbesondere auf Marquez.
Er bestand darauf, zwei Tage nach dem denkwürdigen Tag, an dem die kommunistische Welt zusammen brach wie ein Kartenhaus, uns das fabelhafte Westberlin zu zeigen und führte uns schnurstracks in ein großes Kaufhaus. Unten befand sich die Lebensmittelabteilung. Bei den Backwaren gingen wir kilometerweit an Glasvitrinen vorbei mit immer anderen Pfannkuchen, gestapelt wie die Pyramiden in Ägypten. Mit Guss, ohne Guss, mit Zucker, ohne Zucker, verschiedene Konfitüren und Liköre die Füllungen, groß wie Melonen und klein und rund wie Weintrauben, eckige und rechteckige, kegelförmige wie Tüten, und dazwischen sogar normale groß wie Schneebälle die Formen, weiße, braune, gelbe, selbst blaue waren dabei... verzweifelt sah ich meinen ehemaligen Freund an. Wozu braucht es so viele Pfannkuchen?
Ist doch toll, strahlte er. Und dann sagte er etwas, was mich schlichtweg schockierte. Weißt du, was mich hier nur stört?
Nein.
Wenn die Pollaken einkaufen kommen und die ganzen Gehwege vor dem Kaufhaus voller leerer Pappkartons sind. Ich holte tief Luft und erwiderte, voll und leer aneinander gereihet ist eine interessante Wortkombination.
Später beschloss ich mit U., meiner damaligen Frau, diesen Menschen nicht mehr zu besuchen. Auch eine Form von Hygiene, mindestens so wichtig wie das abendliche Zähne Putzen: Menschen die das Wort „Pollaken“ benutzen, sollte man meiden...
U. grauste sich vor diesem Kaufhaus, sie grauste sich vor dem ganzen Westen, und irgendwann allein machte sie dann dem Grauen ein Ende. Das ist auch eine Wahrheit.
In diesem Moment fühle ich, dass der Mann mit mir sprechen möchte. Ich drehe meinen Kopf und sehe seinen traurigen Blick.
Sind Sie oft hier?
Bisher nicht, sage ich, vor zwei Wochen waren meine Freundin und ich hier mit meinen beiden Enkeln, und wir spielten mit Begeisterung das Oma und Opa Sein.
Und jetzt, will er wissen.
Sind die Enkel wieder in Irland.
Und ihre Freundin?
Ich zögere etwas.
Dann entschließe ich mich zu antworten. Meine Freundin ist auf Reisen.
Er lächelt etwas dünn. Sie sind nicht mitgefahren?
Nein, ich lächle auch, er wirkt so traurig, wir leben getrennt. Und ab und an nehmen wir eine Auszeit voneinander.
Dann schweigt er.
Trotzdem, sage ich, habe ich sie aber sehr lieb. Ich habe das unbedingte Gefühl, das äußern zu müssen.
Plötzlich sagt er, ich hatte einen Fehler gemacht.
Welchen denn, frage ich.
Ich bin mit meiner Freundin zusammen gezogen.
Und was ist daran der Fehler, will ich nun wissen.
Ich lebe in unserer Wohnung wie ein Bild an der Wand.
Das ist ein Witz, sage ich spontan.
Nein, nein, er winkt müde ab, das trifft es genau, ich bin so eine Art Schmuck. Wenn Freunde oder ihre Kinder kommen, sagen sie, er passt gut hier rein und sie meinen mich.
Auf einmal verstehe ich seine ganze Traurigkeit.
Und dann kommen Sie manchmal auf den leeren Spielplatz, um zu rauchen.
Ja.
Auf den Heimweg denke ich an den traurigen Raucher auf dem Spielplatz ohne Enkelkinder. Irgendwie erinnert er mich an den Fänger im Roggen. Ein alt gewordener Fänger im Roggen.
Ich war noch ein Kind, als ich dieses Buch las. Meine Schwester borgte es mir. Ab dann waren wir Freunde, meine Schwester und ich, sozusagen Verschwörer der guten Literatur, aber das ist eine andere Geschichte. Damals in der DDR war das Lesen wichtig fürs Überleben. Für mich als Kind schon.
Zu Hause öffne ich das Laptop. Sofort springt mich eine Psychoseite an, die ich wohl als letztes angesehen hatte in meiner unstillbaren Neugierde, die vor nichts halt macht. Das ist das Hobby und der Markt unserer Zeit in diesem Lande im Internet. Die Nutzer vor allem der weiblichen Art lieben die Beschäftigung mit solchen Psycho-Dingen, wie die Bewohner einer goldenen Insel sich mit den Nichtsnutz spielen beschäftigen, während ringsumher die Welt verelendet. Ich lese ein Horoskop:
„Drängen Sie sich Ihren Mitmenschen heute nicht auf, und seien Sie vorsichtig mit Ihren Äußerungen. Sie selbst sind vielleicht in der Laune, heute kein Blatt vor den Mund zu nehmen und alles offen und ehrlich herauszuplappern. Sie sollten aber unbedingt Rücksicht nehmen auf die Stimmung Ihrer Gesprächspartner, bevor Sie Ihren Mund öffnen. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass die Anderen harte Kritik heute vertragen. Nehmen Sie Ihre Mitmenschen so wie Sie sind und ermutigen Sie sie lieber statt sie ihnen ihre Fehler vorzuhalten.“
Wow, aber ich dränge mich niemanden auf. Bei näherem Hinsehen entdecke ich, das ist für die Widder, ich bin aber ein Fisch.
Gestern galt schon für die Widder die Ermunterung zur Kreativität, zum Beispiel einen Roman zu schreiben oder ähnliche Kleinigkeit, nur für Widder...übrigens ein sehr seltsamer Deutsch.
Eine Kommentatorin verlautbart sich:
„Alles, was man gegen sein Gefühl und gegen sein inneres Wissen tut, anderen zuliebe, ist nicht gut und muß früher oder später teuer bezahlt werden.“
Das weiß man doch, oder. Das wird doch nicht B. gewesen sein? Doch sie ist ja auf Reisen.
Ich hole aus dem Bücherregal den Schopenhauer und blättere. Ein Satz springt mich an wie eine Offenbarung:
„Wer hingegen der Kantischen Philosophie sich nicht bemeistert hat, ist nämlich in demjenigen natürlichen und kindlichen Realismus befangen geblieben, in welchem wir Alle geboren sind und der zu allem Möglichen, nur nicht zur Philosophie befähigt.“
Wir sind heutzutage zu allem Möglichen befähigt, besonders dazu das Leben zu organisieren... darüber vergessen wir das Leben selbst, oder. Wer, frage ich mich, liest heute noch Kant? Wer ist überhaupt noch zur Philosophie befähigt?
Alter Knurrbär Schopenhauer, guter Mann...
Aus dem Laptop klingt ein kleines anschwellendes Heulen, als ob eine U-Bahn einfährt.
J., die kleine Träumerin meldet sich über Skype aus Irland.
Ich logge mich ein.
Was hast du da für ein neues Bild, fragt das Kind den Papa, macht das bloß weg, mich gruselst.
Warum denn das, frage ich verwundert.
So schaust du immer, bevor deine Wut ausbricht. Ich kenne das noch von meiner Kindheit, fürchterlich.

Nee, nicht wirklich...
Lass mich in Ruhe, sage ich und stehle mir nicht meine Zeit zum Schreiben, gibt es etwas wichtiges?
J. grinst, ja schreib nur, schreib, aber mal was Gutes, die letzten Texte ließen ja zu wünschen übrig.
Ach, die Jugend ist auf der anderen Seite des Flusses und spottet über uns.

Mukono - 29. Jul, 19:42
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