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9
Aug
2009

Erinnerungen 32

Das Radio dudelt fröhlich wie Schulkinder am letzten Schultag vor den Ferien freche Verse trällern...

...Der stadtbekannte Penner darf nicht fehlen in der Kleinstadt. Er trägt einen fadenscheinigen Anzug, der muss vor dem Krieg gekauft worden sein. Im Krieg war er verschüttet, wahrscheinlich Mann mit Anzug, in seiner Stirn klafft eine Handteller große Delle von einem Bombenanschlag., der ihn grausam verletzte. Er geht gegen den Wind über den Kirchplatz und lallt und schwenkt seine langen Arme, als diskutiere er mit jemandem.
Die Kinder kennen ihn. Sie kommen aus der Schule wie die Häftlinge, die entlassen wurden, und sind voller Übermut.
Komm mit, rufen Dieter und Peter, da drüben ist Hermann Lau.
Kinder sind anders, sie leben nur für den Moment. Schien es doch gestern noch, als wäre die Schulzeit eine lebenslanger Gefängnisaufenthalt, erstreckt sich nun die Ferienzeit aus wie das verheißene Paradies der ewigen Seligkeit. Die Sonne flimmert, die Mücken schwirren, das Kindergeschrei schwebt in der Luft wie eine Wolke, nur eine Wolke macht den blauen Ferienhimmel wahrlich lebendig und schön.
Die Schulranzen fliegen in den Torbogen des Schulgebäudes... wer ist der Erste bei Hermann Lau.
Sie schreien im Chor, Hermann Lau, der ist blau, eine alte Sau, komm aus deinem Bau, Hermann Lau. Der große düstere Mann schwankt, fast rennt er, als verfolge ihn eine Bienenschwarm.
Hermann Lau, schreit der Junge, hat keine Frau - die arme Sau, schreien die Kinder. Die Gasse führt an eine sandige Stelle vorbei, dort liegt ein Haufen Kopfsteinpflaster. Der düstere Mann beugt sich und dreht sich um, er wirft einen Stein und nuschelt und schreit plötzlich auf wie ein gequältes Tier, ihr, ihr, ihr.... geht nach Hause, geht, geht nach Hauhause...
Fröhlich kreischend stieben die Kinder auseinander wie ein Spatzenschwarm.
Zu Hause wartet die Mutter mit Pellkartoffeln und Leinöl und einem Löffel Butter. Und Salz wie die Würze des Meeres. Iss erst einmal Junge.
Sie studiert das Zeugnis.
Na ja, sagt sie und schließt das Heft, geh dann zum Papa im Laden und zeige es ihm.
Kann ich dann gleich zum Wolkensee, fragt er, er hat doch neuerdings ein Fahrrad. Die Mutter lächelt. Aber zum Abendbrot bis du pünktlich zu Hause, hörst du.
Der Laden ist voller Kunden, Papa steht an der Kasse aus gelbem Holz, die so wundervoll bimmelt, wenn man sie öffnet.
Er schiebt sich hinter den Ladentisch und zeigt dem Vater das Zeugnisheft. Wie viel Taschengeld wird es wohl geben? Die Kunden sind Frauen vom Dorfe.
Der Papa muss doch erst einmal das Zeugnis anschauen, sie lachen und nicken mit den Köpfen wie schnatternde Gänse. Er schmiegt sich an den Vater und schaut möglichst klein drein, das kommt besser an, das Engelchen.
Der Papa blättert theatralisch das Heft auf.
So, so, sagt er, und streicht sich über den dicken Bauch.
Im Rechnen eine zwei, aber im Fleiß eine vier...
Nun ja, nun ja, murmeln die Frauen und zwinkern ihm zu, er ist ja noch so niedlich. Er probiert einen Augenaufschlag. Und weiß schon da, es wird sich ändern im Leben, wie sich alles immerzu ändert. Wenn man erwachsen ist, ist man nicht mehr niedlich. Doch warum daran einen Gedanken verschwenden?
Ja, ja, der Papa lässt die Kasse klingeln, eine Mark wird es wert sein. Er brummt wie der Weihnachtsmann.
Ach nein, schnattern die Frauen, zweie sollten es schon sein, nicht wahr, der Scholli.
Er ziert sich und greift flugs in die große warme Hand mit dem Geldstück, das zweite dazu. Dann flitzt er wie ein Derwisch davon, jeder weiß ja, dass selbst der Teufel einmal ein Engel war.
Die Beurteilung interessierte doch niemand: H. könne weitaus bessere Leistungen vorweisen, wenn er ehrgeiziger und darum fleißiger wäre, auch lasse seine Ordnung zu wünschen übrig, als einziger Schüler der Klasse ist er immer noch nicht den Jungen Pionieren beigetreten.
Daran waren ja wohl mehr die Eltern und der Herr Pastor schuldig. Es las aber gar keiner diese Beurteilung. Sie hatten keine Zeit dafür, pah, was soll 's.
Das glücklichste Kind ist das wilde Kind...

Der Gedanke führt mich aus meinen Tagträumen, als nehme er mich an die Hand wie ein liebevoller Führer der Vernunft den Toren und Träumer zurück ins Leben des heutigen Tages. Schau an, sagt er, auf den hellen Dielen flimmert die Sonne freundlich, als würden Kinder Glasmurmeln trudeln, durch die offenen Balkontüren siehst du den blauen Himmel und auch das Wechselspiels des Lichts in den grünen Baumwipfeln gegenüber... so, so. Sehr schön, denke ich, und ich beschließe dem Radio den Hals abzudrehen wie einem aufdringlichen Schurken, es hört sich an, als wenn Udo Jürgens eine neues La, la, la Lied komponiert habe, irgendwie eins wie das andere. Na ja, ein Mozart hört sich auch an wie der andere...
Ich lege eine Schallplatte auf, diese schwarzen Scheiben waren in der DDR so wichtig, wunderbare Klassikaufnahmen, zum Glück funktioniert noch der alte Player. Isaac Stern und David Oistrach fiedeln Vivaldi und es hört sich an als würden sich zwei Freunde mal über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens unterhalten und die sind unglaublich heiter. Au den Dielen vor den Sportgeräten hinten im Schlafzimmer liegt ein weißes Tuch, wie ich es benutze, um mir den Schweiß abzuwischen...

Ich schließe kurz die Augen und lasse den Kopf auf der Sessellehne ruhen, die Musik trägt mich... ein Mann wacht auf und sieht ein Tuch auf den Dielen, die Frau ist verschwunden wie eine Fata Morgana, er springt auf, im Regal auf dem Flur liegt noch das Geld für die Hure, er nimmt das Tuch und springt die Treppen hinab, Musik trägt, die Straße entlang, Autos hupen, zur U-Bahn, aussteigen... irgendwo sieht er die Frau, durch Menschengewimmel... er fasst sie an den Arm, sie dreht sich um, ihr Gesicht ist voller Tränen... du hast dein Geld vergessen, Maria... sie schluchzt, ich will dein Geld nicht, Fremder...

Ich öffne die Augen, grinsend zum blauen Himmel da durch die offene Balkontür hindurch, die Fantasie ist manchmal autobiographisch, aber das Leben ist so, Huren lassen kein Geld liegen. Mitunter muss man alt werden, um das zu begreifen. Niemand tut etwas für dich umsonst.

B. ruft an. Wie geht es dir, will sie wissen. Ganz gut, sage ich und verschweige, dass eine Hure kein Geld wollte, ist es doch eh nur ausgedacht.
Schreibst du, fragt B.
Man kann nicht immerzu schreiben, antworte ich und versuche meiner Stimme einen dunklen geheimnisvollen Klang zu geben... Sie lacht. Was machst du?
Ach, ich knurre.
Dann fällt mir etwas ein. Weißt du, ich denke, es gibt ungefähr zehn Jahre in der Kindheit, die verstecken sich in den Erinnerungen wie jemand beim Blindekuhspiel unter einer Decke. Da lebt das Kind so scheinbar planlos, es ist nicht wichtig, ob es sich später daran erinnert, das Kind lebt wie ein Fischlein im Bach. Seltsamerweise existieren von diesen zehn Jahren auch kaum Fotos.
Hm, meint B. Sie scheint nachzudenken. Hast du dich als Kind in der DDR eigentlich unterdrückt gefühlt, als ob man dich klein machen wollte?
Ich denke auch nach. Klein machen wollen einem eigentlich immer nur Leute, die sich selbst größer machen, als sie sind. Ich glaube, ich habe das schon als Kind durchschaut. Ich habe darüber gelacht.
Später als Jugendlicher habe ich mich unterdrückt gefühlt wegen der erbärmlichen Heuchelei, ja, ja... ich stutze, und du?
B. stutzt auch, ich war ja ein braves und fleißiges Kind, da gibt es auch nichts zu erzählen. Na, klar, es geht ja nicht um ihre Erinnerungen...
Ich lege auf.

... Vor dem Laden wartet Peter, der neue Freund, der plötzlich vom Himmel gefallen ist, als Nachbarsjunge. Er ist groß, blond und schlaksig, in den Augen immer den Schalk.
Erst fünfzig Jahre später erfahre ich, dass seine Mutter eine Trinkerin in Halle war, und seine neue Mutter, die Frau nebenan ihn aus dem Heim holte. Ihr Mann, sein wirklicher Vater, war ein zuckerkranker Alkoholiker, ein selbständiger Ingenieur und Architekt, der gutes Geld verdiente. Abends soff er mit den Bonzen von der Kreisleitung der Partei... das interessierte die Kinder doch nicht.

Kommst du mit, fragt Peter, ich will dir mal was zeigen. Er lacht verschmitzt und er hat aber auch den Ausdruck eines zutiefst verletzten Kindes hinter dem Lachen.Das Nachbargrundstück ist eine kahle Fläche, im Krieg wurde hier ein Haus ausgebombt. Das Vorderhaus, die hinteren Gebäude stehen noch, unter anderem auch das Heim von Peters Familie. Auf der kahlen Fläche vorn ist noch der Kellereingang stehen geblieben. Peter hat einen Schlüssel besorgt für die alte Holztür, dick wie ein Tor in einem verwünschten Schloss aus dem Märchenbuch... er hat eine Taschenlampe mitgebracht, die Jungen balancieren durch die Dunkelheit hinter dem dem kleinen Lichtkegel wie die Schatzsucher in dem Buch, das er gerade gelesen hat, und der Junge hat das Gefühl, Long John Silver wäre ihnen auf den Fersen, und er hört in dem morschen Gang das Klopfen des Holzbeins, es ist doch nur das Klopfen des eigenen Herzens in der Brust. Peter stößt eine Kellertür auf, es zeigt sich, er hat sich hier einen Raum eingerichtet. Mit einer schnellen Bewegung zieht er ein Sacktuch von einem glaslosen Fenster, nur ein rostiges Gitter davor.
Der Junge ist fasziniert, sieht man das nicht oben?
Ach, da sind nur Steine und Sträucher, da kümmert sich keiner. Peter winkt großartig lässig ab. Er setzt sich auf einen kleinen Schemel an eine Obstkiste, er hat es sich hier gemütlich gemacht. Der Junge betrachtet einen Stahlhelm mit einem Einschussloch.
Original vom Krieg, Peter grinst.
Peter trägt eine Lederhose mit breiten Hosenträgern, quer ein Lederband vor der Brust, da ist eine Tasche drin. Er zieht den Reißverschluss auf und holt Zigaretten heraus.
Auch eine rauchen?
Großartig lässig reicht er die Schachtel herüber.
Der Junge hustet, aber raucht tapfer weiter. Eine Katze schaut durch das Kellerloch herein, als wundere sie sich sehr über die Kinder. Peter wirft einen Stein.
Der Junge ist fasziniert und ihm ist ganz schlecht.
Übrigens, sagt Peter und grinst etwas schief, in diesem Keller war Hermann Lau verschüttet...
Kommst du nachher mit Baden zum Wolkensee, fragt der Junge.
Nee, antwortet Peter, ich habe doch Stubenarrest vom Alten wegen dem Zeugnis.
Was ist das, Stubenarrest, fragt der Junge und drückt endlich die Zigarette aus...

Die Schallplatte ist aus.
Ich koche mir einen Tee. Vom Hinterhof schallt Lachen herauf. Der Mann, den alle heimlich Blockwart nennen, hat endlich eine Freundin gefunden. Sie sitzen beide auf der Terrasse seiner Wohnung und trinken Kaffee. Von meinem Fenster auf könnte ich ihnen auf die Köpfe spucken. Das tue ich aber nicht.
Sie haben laut das Radio an, Udo Jürgens singt schon wieder. Wenn ich einmal tot bin, wird er immer noch singen, vielleicht mit Heesters ein Duett.
Wegen dem Zeugnis, murmle ich ich halblaut.
In dieser Kleinstadt in der Uckermark wird bis heute eine abenteuerliche Grammatik betrieben. Ich trage das noch als Erbe mit mir herum. Datt werd ick auch nich mehr los. B. war immer gut im Korigieren, unersetzlich quasi. Sie fehlt mir.
Ich gieße den Tee auf.
Ich liebe diese Sonntage ganz allein für mich. Ja, ja,
Die Nachbarin unter mir, diese breit hüftige große Tschechin mit dem breiten freundlichen Gesicht hat sich eine weiße langhaarige Katze angeschafft. Sie hat sie mir stolz gezeigt, als ich mein Paket abholte. Sehr, sehr schön mit glänzenden Augen wie Bernsteine in der Sonne. Vielleicht schaffe ich mir auch eine Katze an.
Ach ja, im Paket war eine Jeans, die habe ich mir bestellt über den Versand von Otto. Größte Kindergröße, passt wie angegossen. Ich ziehe sie dann als Haushose an, statt der wunderbaren Trainingshosen, die manchen Leuten nicht gefallen.
Ja, die trage ich jetzt, ja, ja...
Warum schreibe ich so etwas überhaupt hier rein?
Pffh, warum nicht? Viele schreiben doch hier ihre privaten Nichtigkeiten hinein, oder nicht. :-)) Wenn man es genau sieht, ist die ganze Welt nichtig.

In diesem Alter spielte ich an langen Sonntagen oft Klavier, aber nur, wenn es regnete. Mein Papa lag auf der Couch und hörte mir zu und begann zu schnarchen im Takt.
Da gibt es sogar ein Foto... Ich muss mal nachschauen. KlavierO, mein Gott, das war vor fünfzig Jahren. Wir lernten die ersten Witze über Walter Ulbricht, um mal den politischen Zusammenhang herzustellen. Das ist der mit dem Ziegenbart, und wir bekamen die ersten Lektionen, wo man das sagen darf und wo besser nicht, ja, sorry, ich gerate ins Schwatzen. Jetzt müsste mal ein Foto von Ulbricht...
180px-Bundesarchiv_Bild_183-A1227-0009-001-2C_Walter_Ulbricht Grins, da ist er ja, der Ziegenbart :-))
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In dieser Nacht schien der Mond

Die Sonntagsgeschichte.

http://herbsforum.plusboard.de/in-dieser-nacht-schien-der-mond-t225.html
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Meine Kommentare

hör mal, ich bin...
das ist doch dein Job, aber wenn ich so gucke, würde...
haut - 23. Aug, 22:29
ich denke nicht, dass...
wenn ich in einem forum zugange bin, in dem sich mehrere...
haut - 23. Aug, 19:51
ja
das finde ich auch, "subjektive sichtweise ist immer...
haut - 23. Aug, 13:06
grins, 17 + 4
deine seite. lieber schmelzpunkt hat eine gute seite,...
haut - 23. Aug, 00:50
kopfschüttelnd
die meisten fotos scheinen mir einem medizinischen...
haut - 23. Aug, 00:17

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