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11
Aug
2009

Flickflack

Eine alte Geschichte neu bearbeitet:

Der Mann betrat seine Wohnung. Er war den ganzen Tag unterwegs und hatte sich zum Abendbrot in einer kleinen Gaststätte eine Knacker mit Butterstulle und drei Biere geleistet. Er fühlte sich wohlig entspannt.
Schon als er die Tür öffnete, er zog ein wenig die Luft durch die Nase, überkam ihm das ganz sichere Gefühl, allein zu sein.
Der Mann hängte seine Jacke an den Haken und die Mütze darüber. Obwohl er schon beim Eintreten das Flurlicht eingeschaltet hatte, fiel ihm erst jetzt der kleine Zettel ins Auge, der auf dem Fußboden lag. Er hob den Zettel auf und las:
„Mein Schlüssel liegt unter dem Fußabtreter.“
Ganz leise öffnete der Mann noch einmal die Tür, schaute verstohlen nach rechts und links, niemand zu sehen. Er beugte sich schnell und lüftete die Matte. Tatsächlich, da lag der Schlüssel. Schnell nahm er ihn, schloss wieder die Tür, steckte den Schlüssel von innen ins Schloss und drehte ihn zweimal herum. Dann ging er zu seiner Jacke, ja, dort in der Tasche befand sich sein Schlüssel am Bund. Fast auf Zehenspitzen schlich er zur Kommode, ihr Geheimfach, nein, jetzt war es sein Geheimfach, dort lag der dritte Schlüssel. Und mehr Schlüssel gab es von der Wohnung nicht.
Unbewusst fing der Mann an zu pfeifen. So ein Tag, so wunderschön wie heute...
Er erschrak sich, aber warum, er war doch allein. Er öffnete die Schränke. All ihre Sachen waren verschwunden. Ich bin allein, dachte der Mann, und ein fast ungläubiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Dann wurde ihm bewusst, dass ihn ja keiner beobachten konnte, und er stieß ein lautes „Haha!“ aus. Nichts passierte. Es schien keine Sonne, da brauchte auch er keinen Schatten werfen.
Nun ging er zum Telefon und hob den Hörer ab. Er drückte auf Anruferliste, unbekannte Anrufe (4). Der Anrufbeantworter sagte mit freundlicher weiblicher Stimme: „Es sind keine neuen Nachrichten für Sie eingetroffen.“ Eigentlich müsste der Anrufbeantworter Anrufbeantworterin heißen, überlegte der Mann.
So ein Quatsch, dachte der Mann und kicherte. Zuerst entwickeln sie Telefone, auf denen man gar nichts sieht, dann entwickeln sie Telefone mit Display, auf dem die Nummern der Anrufer erscheinen, dann entwickeln sie Telefone, dass man anonym anrufen kann, und die Nummer nicht mehr erscheint, und alle Welt ruft anonym an, jetzt müssten sie wieder Telefone entwickeln, die nichts anzeigen.
Der Mann kicherte. Drei Biere, dachte er, ich werde doch nicht betrunken sein.
Er schaute in den Kühlschrank. Da stand eine Flasche weinhaltiges Getränk. Das hatte sie immer gern getrunken, praktisch Bonbonwasser, aber zum Rauchen gut, wenn man so einen Geschmack in den Mund bekommt. Eine Gefahr zum Alkoholismus besteht nicht, man könnte einen Eimer voll austrinken. Also, goss er sich ein Glas voll und setzte sich auf den Schaukelstuhl, auf dem Tisch daneben stand das Telefon bereit zu Custers letzte Schlacht, und er rauchte. Also, wenn er jetzt einen Westernhut (heißt der Stetson? , dachte er) auf dem Kopf hätte, würde er ihn sich in die Stirn ziehen, und dazu müsste die Musik von „12 Uhr mittags“ erklingen. Der Mann saß, rauchte, schaukelte und wartete. Er war sehr entspannt. Er war bereit zum letzten Duell, wo ein Mann noch ein Mann sein musste.
Dann klingelte das erste Mal das Telefon. Er wartete zweimal das Läuten ab und nahm dann den Hörer in die Hand.
„Ja?“
„Hast du es bemerkt, ich habe dich verlassen.“
„Ja“, antwortete der Mann ganz ruhig, „hab ich bemerkt.“
„Und!“ Sie schrie fast in den Hörer.
Der Mann wunderte sich etwas.
„Ist damit alles für dich erledigt, oder wie?“
Er hielt den Hörer etwas vom Ohr, das war arg laut.
Dann wurde es still.
Also sprach er.
„Ja, du hast ja den Schlüssel da gelassen, denn wäre so weit alles erledigt.“
Sie kreischte. Er legte den Hörer auf den Tisch und wartete, trank einen Schluck ihres Bonbonwassers und zog an seiner Zigarette. Dann verstummte das Kreischen, er nahm den Hörer wieder auf. Sie hatte sich anscheinend beruhigt.
Sie sprach:
„In meinen Augen bist du ein Tier.“
„Ja“, sagte der Mann.
„Was heißt hier ‚ja’?“
Offenbar wollte sie wieder mit dem Kreischen anfangen.
„Na ja“, antwortete er schnell, bevor es los ging, “ein Tier würde ich auch verlassen.“
Dieser Satz schien ihr das Kreischen zu ersticken. Er wartete. Dann legte sie den Hörer auf.
So, dachte der Mann, und er drückte seine Zigarette aus, vielleicht ist ja damit die Schlammschlachtphase schon erledigt. Er hasste es, aber so war das Leben: Da musste man durch, und was danach kommt, du muss man auch wieder durch.

Dann überlegte er. Vor dreißig Jahren hatte er immer die Zirkusartisten mit ihren Flickflacks bewundert, also, ein Salto rückwärts mit den Händen abstützend. Und er hatte gedacht, das könnte ich auch. Ich bin ja allein, ich probiere es einfach mal. Er stellte sich auf den Teppich. Das Entscheidende ist der richtige Absprung, das ist die Mutfrage, alles andere läuft von allein, Wirbelsäule strecken nach hinten, Arme weit über den Kopf, landet man erst mal auf den Händen, ist das Ding gelaufen, und er sprang ab. Nun, er landete nicht elegant auf den Fußsohlen, aber immerhin ein Salto war es, wenn er auch auf allen Vieren hockte.
Mann, dachte der Mann, muss ich erst fünfzig werden, um den ersten Flickflack meines Lebens zu schaffen. Er setzte sich hin und lachte und lachte.

Das Telefon läutete. Er ging nicht ran. Männer weinen nicht. Es ist eine alte Geschichte, und immer geschieht sie neu, doch wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei...
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die meisten fotos scheinen mir einem medizinischen...
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