Erinnerungen 33
Bei Kasiske ist der Abend wie ein langes ruhiges Ausatmen nach einem anstrengenden Lauf. Man kann dieses entspannte Wohl-fühlen selbst bei Leistungssportlern beobachten, wenn sie nach dem Ziellauf auf dem Rasen sitzen neben der Aschenbahn und auf die Ergebnisse warten. Sie setzen dann so einen abwesenden Kuhblick auf, während sie die Muskeln lockern wie – ich habe alles gegeben, was nun kommt, liegt nicht mehr an mir. Der träumerische Glanz in den Augen eines Menschen, der sich verausgabt hat...
Es herrscht eine friedliche Ruhe in der Straße, etwas rötliches Licht von der untergehenden Abendsonne ergießt sich durch die Straße wie die sanfte Musik einer Harfe begleitet von einem klagenden Saxophon.
Farbe ist für die Augen wie die Musik für die Ohren. Wenn man es genau nimmt, braucht man nur die Umwelt richtig wahr zu nehmen, und so mancher könnte sich seine Psychopharmaka ersparen. Darum kommt es auch darauf an, dass man in einer schönen Wohnung lebt, nicht wahr.
B. hat es mich gelehrt und mit ein paar Veränderungen die Schönheit irgendwie frei gemacht, die ja latent vorhanden war, nicht zuletzt durch U., meiner ersten Frau, welche mit mir den Grundstock legte, wir waren darin ein tolles Team.
Auch sie hatte so ein Gefühl für das Außen und Innen, und die Harmonie, die dazwischen schwingt. Und da jeder ein anderes Innen hat, braucht auch jeder ein anderes Außen.
Als junger Mann beschloss ich einst, U. zu meiner Frau zu machen, als ich ihre Wohnung sah... meine Gedanken sind bei U. Ich fühlte mich zu Hause bei ihr, heimgekommen wie nach einer langen Wanderung endlich angelangt. Erst später wurde mir klar, dass es besser ist nie anzukommen, sondern immer auf dem Weg zu sein. Nichts ist schädlicher für den Menschen, als in einem Zustand zu verharren, früher dachte ich, das gelte nur für Zustände, die unangenehm sind, heute denke ich, es gilt für jeden Zustand. Ja. Ja, wenn man zum Augenblicke sagt, verweile doch, du bist so schön, hat man sich schon in die Hand des Teufels begeben...
Es war wohl diese neue Wohnung, welche die Leere in U. widerspiegelte, ich erinnere mich an ihren Blick und dann die Worte, jetzt bin ich im Westen angekommen, das ist nicht mehr meins, und sie sprach genau besehen das aus: Das ist nicht mehr meine Welt, ich habe keine Welt mehr, in der sich mein Innen im Außen entdecke. Ich dagegen fühlte mich sofort wohl, und das verzieh sie mir nicht. Vielleicht, ihr Abschiedsbrief an mich war ungewohnt liebevoll, hat sie mir zum Schluss verziehen. Doch Schluss besagt auch, es kommt nicht darauf an, auf das Verzeihen nämlich, Schluss ist Ende, und danach passiert nichts mehr, sonst wäre ja kein Ende. Sondern irgendwie etwas wie die Ewigkeit. Und da behüte uns Gott vor.
Wenn ich mir für den Fall einer Ewigkeit etwas aussuchen könnte, dann möchte ich sie bitte mit E. verleben. Natürlich in der Hoffnung, dass die Ewigkeit nicht ganz so ewig dauert, die alten Frommen übertrieben ja halt gern ein wenig.
Auf dem Foto über dem PC hat E. den wunderbar lässigen Blick der Afrikanerin, dazu das angedeutete Lächeln, rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa, na klar, sie schaut durch mich durch, wenn ich am Computer sitze – und lächelt über mich, was ich auch schreibe. In aller Ewigkeit, he, wir wollen es nicht übertreiben, so lange, bis das Foto vergilbt ist, oder ich selbst bin schon vorher vergilbt. Aber wenn man einigen nicht dummen Leuten glauben mag, bin ich eh für die Hölle bestimmt.
Der Ausweg bestand für U. darin, aus dem Leben zu scheiden, denn zwischendurch mal immer wieder gerettet - die sterilen Krankenräume mit den weißen Betten und dem Licht der Leuchtstofflampen einer westlichen Psychiatrie Station waren auch nicht gerade ein Heim, und das Wort kommt von Heimat oder umgekehrt. Die Heimat war ihr gründlich verloren gegangen, dazu gehörte die gemeinsame Wohnung mit mir. Sie zählte auch zu den Menschen, die ihr Seelenheil von der Anwesenheit eines anderen abhängig machen. Wer einmal entdeckt hat, dass es nicht der Fall ist, dass man nur von sich selbst abhängig ist, für den ist auch die Umgebung plötzlich nicht mehr wichtig. In einer Slum Hütte in Nairobi, hatte ich entdeckt, ich fühle mich überall wohl, wenn das Ich das Ich-Selbst bleibe. Und in dem winzigen Platz in einem Zirkuswagen, der sich auf eine Pritsche und einem Nachtschränkchen reduzierte, habe ich es schon als junger Mensch entdeckt. Ich war da so glücklich, was hätte ich noch zu erzählen... Das Außen ist Nebensache wie ein angenehmer Luxus, eigentlich überflüssig... es kommt auf das Innen an. Immer muss man innerlich frei bleiben. Wer mich dieser inneren Freiheit berauben möchte, hat schon verloren, hat schon verloren, hat schon verloren... ja; ja, ja, das ist eine Litanei in meinem Leben, kein Herrscher über mich, als ich selbst.
Ich ergehe mich in Träumen wie ich mein Leben wieder neu gestalte, jetzt erneut allein, wie fühlt es sich an, wenn ich mir eine Katze anschaffen würde. Nachdenklich betrachte ich Bilder im Internet über Katzen. Wie wäre es, wenn ich nach Kenya auswandern würde, die Stiefkinder würden mit mir leben. Möchte ich das? Nein, weder Katze noch Kenya... alles ist denkbar. Schon die Existenzialisten entdeckten, derjenige ist wirklich frei, der alle seine Möglichkeiten erkennt und dann eine wählt. In diesem Verständnis war U. in den Momenten ihres selbst gewählten Sterbens vielleicht das erste Mal wirklich frei. Manche sagen, frei sein, bedeutet glücklich sein...
Es sind alle vier Tische vor der Kneipe besetzt mit je einem Mann. Einer löst ein Kreuzworträtsel, zwei lesen und einer guckt und macht sich seine Gedanken allein, das bin ich. In der abendlichen Stimmung wirkt alles gedämpft und verträumt, ein wenig unwirklich, selbst das Rufen und Lachen der Kinder vom Spielplatz nebenan gehören dazu. Ich erlaube mir voller Nachsicht ein Guinness.
Der das Kreuzworträtsel löst, ist der Kellner. Er trägt am Kinn so einen dünnen Ho-Chi-Minh Bart und grinst verschmitzt wie einst Meister Nadelöhr im DDR-Kinderfernsehen. Ich weiß nicht warum, aber es scheint Mode zu werden für die jungen Männer diese lächerlichen Kinnbärte zu tragen, jeder zweite hat schon einen in Berlin... ich weiß wirklich nicht, warum. Vielleicht, neulich sah ich im Fernsehen, dass diese Jugendlichen im Internet alle kostenlose Pornos gucken und seltsam sexsüchtig werde, Sex ohne Liebe, es geht scheinbar... vielleicht, dass darum die jungen Männer diese langen dünnen Bärtchen an der Kinnspitze tragen, es entstehen möglicherweise beim Oralverkehr besonders selige Zustände für die Frauen... ich denke mal nicht weiter darüber nach.
Diese Pornographie im Internet ist ja wirklich verblüffend für einen ehemaligen DDR-Bürger. Nix für ungut, aber seitdem jede zweite Internetuserin sich wie Jeanne d'Arc auf die Barrikaden schwingt, neben sich mit flammenden Worten einen Robespierre der Neuzeit... weil eine katholische Familienministerin Kinderpornographie im Internet zugegeben reichlich ungeschickt bekämpft, fange ich an zu zweifeln. Wenn diese Pornographie noch zugelassen ist, was wollen diese Heldinnen und Helden der Freiheit eigentlich? Noch mehr Freiheit? Das wäre ja dann nur noch Kinderpornographie...
Der Mann neben mir beginnt zu telefonieren. Ich kenne diesen Typ Menschen, trinke mein Guinness aus und beschließe Morgen darüber weiter zu schreiben... nachher kommt noch das Hundert-Meter-Finale der Männer, ich muss heim, wenn man das als Heimat sieht.
Nach dem Lauf werden wieder einige auf dem Rasen sitzen und die Muskeln lockern und mit diesem Kuhblick auf die Ergebnistafeln schauen... ich sehe das zu gern. Obwohl es ja nicht wichtig ist.
Es herrscht eine friedliche Ruhe in der Straße, etwas rötliches Licht von der untergehenden Abendsonne ergießt sich durch die Straße wie die sanfte Musik einer Harfe begleitet von einem klagenden Saxophon.
Farbe ist für die Augen wie die Musik für die Ohren. Wenn man es genau nimmt, braucht man nur die Umwelt richtig wahr zu nehmen, und so mancher könnte sich seine Psychopharmaka ersparen. Darum kommt es auch darauf an, dass man in einer schönen Wohnung lebt, nicht wahr.
B. hat es mich gelehrt und mit ein paar Veränderungen die Schönheit irgendwie frei gemacht, die ja latent vorhanden war, nicht zuletzt durch U., meiner ersten Frau, welche mit mir den Grundstock legte, wir waren darin ein tolles Team.
Auch sie hatte so ein Gefühl für das Außen und Innen, und die Harmonie, die dazwischen schwingt. Und da jeder ein anderes Innen hat, braucht auch jeder ein anderes Außen.
Als junger Mann beschloss ich einst, U. zu meiner Frau zu machen, als ich ihre Wohnung sah... meine Gedanken sind bei U. Ich fühlte mich zu Hause bei ihr, heimgekommen wie nach einer langen Wanderung endlich angelangt. Erst später wurde mir klar, dass es besser ist nie anzukommen, sondern immer auf dem Weg zu sein. Nichts ist schädlicher für den Menschen, als in einem Zustand zu verharren, früher dachte ich, das gelte nur für Zustände, die unangenehm sind, heute denke ich, es gilt für jeden Zustand. Ja. Ja, wenn man zum Augenblicke sagt, verweile doch, du bist so schön, hat man sich schon in die Hand des Teufels begeben...
Es war wohl diese neue Wohnung, welche die Leere in U. widerspiegelte, ich erinnere mich an ihren Blick und dann die Worte, jetzt bin ich im Westen angekommen, das ist nicht mehr meins, und sie sprach genau besehen das aus: Das ist nicht mehr meine Welt, ich habe keine Welt mehr, in der sich mein Innen im Außen entdecke. Ich dagegen fühlte mich sofort wohl, und das verzieh sie mir nicht. Vielleicht, ihr Abschiedsbrief an mich war ungewohnt liebevoll, hat sie mir zum Schluss verziehen. Doch Schluss besagt auch, es kommt nicht darauf an, auf das Verzeihen nämlich, Schluss ist Ende, und danach passiert nichts mehr, sonst wäre ja kein Ende. Sondern irgendwie etwas wie die Ewigkeit. Und da behüte uns Gott vor.
Wenn ich mir für den Fall einer Ewigkeit etwas aussuchen könnte, dann möchte ich sie bitte mit E. verleben. Natürlich in der Hoffnung, dass die Ewigkeit nicht ganz so ewig dauert, die alten Frommen übertrieben ja halt gern ein wenig.
Auf dem Foto über dem PC hat E. den wunderbar lässigen Blick der Afrikanerin, dazu das angedeutete Lächeln, rätselhaft wie das Lächeln der Mona Lisa, na klar, sie schaut durch mich durch, wenn ich am Computer sitze – und lächelt über mich, was ich auch schreibe. In aller Ewigkeit, he, wir wollen es nicht übertreiben, so lange, bis das Foto vergilbt ist, oder ich selbst bin schon vorher vergilbt. Aber wenn man einigen nicht dummen Leuten glauben mag, bin ich eh für die Hölle bestimmt.
Der Ausweg bestand für U. darin, aus dem Leben zu scheiden, denn zwischendurch mal immer wieder gerettet - die sterilen Krankenräume mit den weißen Betten und dem Licht der Leuchtstofflampen einer westlichen Psychiatrie Station waren auch nicht gerade ein Heim, und das Wort kommt von Heimat oder umgekehrt. Die Heimat war ihr gründlich verloren gegangen, dazu gehörte die gemeinsame Wohnung mit mir. Sie zählte auch zu den Menschen, die ihr Seelenheil von der Anwesenheit eines anderen abhängig machen. Wer einmal entdeckt hat, dass es nicht der Fall ist, dass man nur von sich selbst abhängig ist, für den ist auch die Umgebung plötzlich nicht mehr wichtig. In einer Slum Hütte in Nairobi, hatte ich entdeckt, ich fühle mich überall wohl, wenn das Ich das Ich-Selbst bleibe. Und in dem winzigen Platz in einem Zirkuswagen, der sich auf eine Pritsche und einem Nachtschränkchen reduzierte, habe ich es schon als junger Mensch entdeckt. Ich war da so glücklich, was hätte ich noch zu erzählen... Das Außen ist Nebensache wie ein angenehmer Luxus, eigentlich überflüssig... es kommt auf das Innen an. Immer muss man innerlich frei bleiben. Wer mich dieser inneren Freiheit berauben möchte, hat schon verloren, hat schon verloren, hat schon verloren... ja; ja, ja, das ist eine Litanei in meinem Leben, kein Herrscher über mich, als ich selbst.
Ich ergehe mich in Träumen wie ich mein Leben wieder neu gestalte, jetzt erneut allein, wie fühlt es sich an, wenn ich mir eine Katze anschaffen würde. Nachdenklich betrachte ich Bilder im Internet über Katzen. Wie wäre es, wenn ich nach Kenya auswandern würde, die Stiefkinder würden mit mir leben. Möchte ich das? Nein, weder Katze noch Kenya... alles ist denkbar. Schon die Existenzialisten entdeckten, derjenige ist wirklich frei, der alle seine Möglichkeiten erkennt und dann eine wählt. In diesem Verständnis war U. in den Momenten ihres selbst gewählten Sterbens vielleicht das erste Mal wirklich frei. Manche sagen, frei sein, bedeutet glücklich sein...
Es sind alle vier Tische vor der Kneipe besetzt mit je einem Mann. Einer löst ein Kreuzworträtsel, zwei lesen und einer guckt und macht sich seine Gedanken allein, das bin ich. In der abendlichen Stimmung wirkt alles gedämpft und verträumt, ein wenig unwirklich, selbst das Rufen und Lachen der Kinder vom Spielplatz nebenan gehören dazu. Ich erlaube mir voller Nachsicht ein Guinness.
Der das Kreuzworträtsel löst, ist der Kellner. Er trägt am Kinn so einen dünnen Ho-Chi-Minh Bart und grinst verschmitzt wie einst Meister Nadelöhr im DDR-Kinderfernsehen. Ich weiß nicht warum, aber es scheint Mode zu werden für die jungen Männer diese lächerlichen Kinnbärte zu tragen, jeder zweite hat schon einen in Berlin... ich weiß wirklich nicht, warum. Vielleicht, neulich sah ich im Fernsehen, dass diese Jugendlichen im Internet alle kostenlose Pornos gucken und seltsam sexsüchtig werde, Sex ohne Liebe, es geht scheinbar... vielleicht, dass darum die jungen Männer diese langen dünnen Bärtchen an der Kinnspitze tragen, es entstehen möglicherweise beim Oralverkehr besonders selige Zustände für die Frauen... ich denke mal nicht weiter darüber nach.
Diese Pornographie im Internet ist ja wirklich verblüffend für einen ehemaligen DDR-Bürger. Nix für ungut, aber seitdem jede zweite Internetuserin sich wie Jeanne d'Arc auf die Barrikaden schwingt, neben sich mit flammenden Worten einen Robespierre der Neuzeit... weil eine katholische Familienministerin Kinderpornographie im Internet zugegeben reichlich ungeschickt bekämpft, fange ich an zu zweifeln. Wenn diese Pornographie noch zugelassen ist, was wollen diese Heldinnen und Helden der Freiheit eigentlich? Noch mehr Freiheit? Das wäre ja dann nur noch Kinderpornographie...
Der Mann neben mir beginnt zu telefonieren. Ich kenne diesen Typ Menschen, trinke mein Guinness aus und beschließe Morgen darüber weiter zu schreiben... nachher kommt noch das Hundert-Meter-Finale der Männer, ich muss heim, wenn man das als Heimat sieht.
Nach dem Lauf werden wieder einige auf dem Rasen sitzen und die Muskeln lockern und mit diesem Kuhblick auf die Ergebnistafeln schauen... ich sehe das zu gern. Obwohl es ja nicht wichtig ist.
Mukono - 16. Aug, 21:07
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