Eine heiße Schokolade für Sara
Im riesigen Schlauch der Einkaufspassage war es schön warm. Offenbar übte das eine Saugwirkung auf die Menschen aus. Während draußen über leere Straßen und Plätzen die Kälte hinwegfegte, bildete sich hier ein wahres Gewimmel.
Wenn Sara einen Kaufhausbummel machte, war es das Beste für Robert, ein Café aufzusuchen.
Er streckte behaglich seine Füße von sich und konnte in Ruhe rauchen und Menschen beobachten. Die kleine Kellnerin brachte ihm ein Bier mit einem verstehenden Lächeln, er hatte sich schließlich lange genug am Kaffee aufgehalten, da wurde es an der Zeit für das Bier.
Sara und Robert waren jung, das ganze Leben lag vor ihnen. Saras Bauch wölbte sich, sie ging im sechsten Monat schwanger. Nun wollte sie nach Babysachen schauen, das konnte ewig dauern.
„Danke.“
Robert zwinkerte der Kellnerin zu, er flirtete für sein Leben gern. Sie lachte herzhaft, wahrscheinlich hatte sie Sara gesehen, als sie sich hier von Robert verabschiedete. Dann wusste sie natürlich, dass Roberts Augenzwinkern als völlig harmlos einzustufen war. Ein werdender Vater ist der ungefährlichste Mann auf der Welt.
Er trank einen kleinen Schluck und stellte mit einem verklärten Lächeln das Glas zurück auf den Tisch. Die Menschengesichter tauchten auf und verschwanden wie in einem Film. Er sah düstere, lachende, suchende und verträumte Passanten. Ungeduldige Kinder und schlendernde Pärchen, einzelne ältere Frauen mit verhärmtem Blick und Männer in gesetzten Jahren mit kalten Augen. Alles wogte und schob und drängelte sich an ihn vorbei, in den Geschäften standen die Kunden scheinbar ziellos herum, die Verkäuferinnen packten mit flinken Fingern die Waren ein, irgendwo in der Menge war auch Sara untergetaucht.
Robert zog mit Genuss an der Zigarette und träumte.
Gestern brachte Sara ein Ultraschallbild vom Baby mit heim. Robert hatte noch lange mit ihr gesessen. Sie standen am Anfang eines neuen Weges, eine Familie wollten sie werden. Er war für diese Aufgabe bereit. Sara war ein sanftes Wesen, Robert fühlte schon ihre Mütterlichkeit.
Und er wollte ein guter Vater werden.
Seine Gedanken waren voller Zuversicht, da trafen seine Augen auf ein lächelndes Gesicht in der Menge. Eine junge Frau sah ihn an. Ich kenne dich, Robert sprach in Gedanken. Eine Haarsträhne fiel in die Stirn, etwas zerfahren strich die junge Frau sie beiseite, die Handbewegung war Robert unendlich vertraut. Wie sie den Kopf etwas neigte, auf einmal schoben sich andere Menschen davor. So schnell, wie sie erschien, war sie verschwunden.
Robert hatte die erste Liebe seines Lebens gesehen. Einen Moment lang bekam er das Gefühl, sein Herz setzte aus. Clara, ja das war Clara. Vor zehn Jahren waren sie ein Paar gewesen. Robert hatte damals mit siebzehn Jahren gerade seine Lehre in der Bank begonnen, sie ging im letzten Jahr zur Schule. Im letzten Jahr auf dem Gymnasium, sie war ein Jahr älter als er.
Blitzschnell trafen ihn die Erinnerungen, sie hatten sich so sehr geliebt. Die Abende hingen sie in einer kleinen Kneipe herum und spielten mit Freunden Dart, hörten Musik, tranken und rauchten. Sie saß meist auf seinem Schoß, und sie küssten sich die Lippen blutig.
Am Wochenende besuchte er sie Nachmittags, und sie spielte ihm auf dem Klavier vor. Clara, Clara, Robert erinnerte sich, während seine Augen in der Menge nach ihr suchten. Sie wurde sehr verwöhnt, weil sie ein Einzelkind war.
Wenn ihr sie Abends in der Woche nach Hause brachte, drängten sie sich im dunklen Hausflur aneinander. Er schob ihren Rock hoch, zog den Slip aus, und sie liebten sich im Stehen. Sie liebten sich gierig drei-, viermal hintereinander, als wären sie am Verdursten. Wenn er in der Nacht heimwärts ging, hatte er weiche Knie.
Dann beendete sie die Schule und ging zum Studium in eine andere Stadt. Irgendwie verloren sie sich aus den Augen.
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass sie doch gar keinen Streit hatten, wieso ging es eigentlich zu Ende?
Robert stand auf. Zwischen den vielen Menschen, sah er den Rücken einer jungen Frau. Die Bewegung der Schultern, so ein gewisser Gang, das könnte sie sein. Er ging los und drängelte sich vorwärts. Dort in dem Schuhgeschäft vielleicht, nein.
Er eilte weiter, direkt in den Lichthof mit künstlichen Palmen und einem kleinen Wasserfall. So viele Menschen, wie sollte er sie hier finden?
Robert starrte in fremde Gesichter, dann war es ihm wieder, als sehe er Clara.
Er entdeckte sie am Eingang des Kaufhauses und rannte beinahe ein Kind um. Clara wollte doch Ärztin werden, fiel ihm ein, ob sie es wohl geschafft hat. Robert war inzwischen schon zu stellvertretenden Filialleiter aufgestiegen. Irgendwie hatte er das Gefühl, er müsste ihr das mitteilen.
Im Kaufhaus fand er sich einem Gewimmel wieder, dass jede Aussicht sie zu finden, ins scheinbar Unendliche verkleinerte. Dichtgedrängt standen die Menschen auf Rolltreppen.
„Robert?“
Er stieß mit Sara zusammen.
Etwas verständnislos blinzelte er.
„Sara?“
Sara lachte.
„Ja, was machst du denn hier, ich denke, du wartest im Café auf mich?“
Robert schaute sie an, als wäre er aus einem Traum erwacht.
„Ich weiß nicht, ich sah hier jemand.“
„Wen denn?“
Sara trug in beiden Händen volle Einkaufstüten. Er nahm sie ihr ab.
„Ach, ist wohl nicht so wichtig, komm wir gehen.“
Sara hängte sich bei ihm ein. Sie lief schon ein wenig wie eine Ente watschelt, obwohl sie doch erst im sechsten Monat war. Robert ging mit ihr zum Ausgang. Er sah sich nicht mehr um.
„Jetzt brauche ich eine heiße Schokolade“, sagte Sara in sein Ohr.
Als sie am Café anlangten, setzten sie sich an den Tisch. Sein halbvolles Bierglas stand noch da.
Die junge Kellnerin erschien, sie lächelte.
„Ich dachte schon, Sie prellen die Zeche.“
Robert grinste.
„Nee, nee, ich habe nur meine Frau abgeholt, sie möchte eine heiße Schokolade.“
Wenn Sara einen Kaufhausbummel machte, war es das Beste für Robert, ein Café aufzusuchen.
Er streckte behaglich seine Füße von sich und konnte in Ruhe rauchen und Menschen beobachten. Die kleine Kellnerin brachte ihm ein Bier mit einem verstehenden Lächeln, er hatte sich schließlich lange genug am Kaffee aufgehalten, da wurde es an der Zeit für das Bier.
Sara und Robert waren jung, das ganze Leben lag vor ihnen. Saras Bauch wölbte sich, sie ging im sechsten Monat schwanger. Nun wollte sie nach Babysachen schauen, das konnte ewig dauern.
„Danke.“
Robert zwinkerte der Kellnerin zu, er flirtete für sein Leben gern. Sie lachte herzhaft, wahrscheinlich hatte sie Sara gesehen, als sie sich hier von Robert verabschiedete. Dann wusste sie natürlich, dass Roberts Augenzwinkern als völlig harmlos einzustufen war. Ein werdender Vater ist der ungefährlichste Mann auf der Welt.
Er trank einen kleinen Schluck und stellte mit einem verklärten Lächeln das Glas zurück auf den Tisch. Die Menschengesichter tauchten auf und verschwanden wie in einem Film. Er sah düstere, lachende, suchende und verträumte Passanten. Ungeduldige Kinder und schlendernde Pärchen, einzelne ältere Frauen mit verhärmtem Blick und Männer in gesetzten Jahren mit kalten Augen. Alles wogte und schob und drängelte sich an ihn vorbei, in den Geschäften standen die Kunden scheinbar ziellos herum, die Verkäuferinnen packten mit flinken Fingern die Waren ein, irgendwo in der Menge war auch Sara untergetaucht.
Robert zog mit Genuss an der Zigarette und träumte.
Gestern brachte Sara ein Ultraschallbild vom Baby mit heim. Robert hatte noch lange mit ihr gesessen. Sie standen am Anfang eines neuen Weges, eine Familie wollten sie werden. Er war für diese Aufgabe bereit. Sara war ein sanftes Wesen, Robert fühlte schon ihre Mütterlichkeit.
Und er wollte ein guter Vater werden.
Seine Gedanken waren voller Zuversicht, da trafen seine Augen auf ein lächelndes Gesicht in der Menge. Eine junge Frau sah ihn an. Ich kenne dich, Robert sprach in Gedanken. Eine Haarsträhne fiel in die Stirn, etwas zerfahren strich die junge Frau sie beiseite, die Handbewegung war Robert unendlich vertraut. Wie sie den Kopf etwas neigte, auf einmal schoben sich andere Menschen davor. So schnell, wie sie erschien, war sie verschwunden.
Robert hatte die erste Liebe seines Lebens gesehen. Einen Moment lang bekam er das Gefühl, sein Herz setzte aus. Clara, ja das war Clara. Vor zehn Jahren waren sie ein Paar gewesen. Robert hatte damals mit siebzehn Jahren gerade seine Lehre in der Bank begonnen, sie ging im letzten Jahr zur Schule. Im letzten Jahr auf dem Gymnasium, sie war ein Jahr älter als er.
Blitzschnell trafen ihn die Erinnerungen, sie hatten sich so sehr geliebt. Die Abende hingen sie in einer kleinen Kneipe herum und spielten mit Freunden Dart, hörten Musik, tranken und rauchten. Sie saß meist auf seinem Schoß, und sie küssten sich die Lippen blutig.
Am Wochenende besuchte er sie Nachmittags, und sie spielte ihm auf dem Klavier vor. Clara, Clara, Robert erinnerte sich, während seine Augen in der Menge nach ihr suchten. Sie wurde sehr verwöhnt, weil sie ein Einzelkind war.
Wenn ihr sie Abends in der Woche nach Hause brachte, drängten sie sich im dunklen Hausflur aneinander. Er schob ihren Rock hoch, zog den Slip aus, und sie liebten sich im Stehen. Sie liebten sich gierig drei-, viermal hintereinander, als wären sie am Verdursten. Wenn er in der Nacht heimwärts ging, hatte er weiche Knie.
Dann beendete sie die Schule und ging zum Studium in eine andere Stadt. Irgendwie verloren sie sich aus den Augen.
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass sie doch gar keinen Streit hatten, wieso ging es eigentlich zu Ende?
Robert stand auf. Zwischen den vielen Menschen, sah er den Rücken einer jungen Frau. Die Bewegung der Schultern, so ein gewisser Gang, das könnte sie sein. Er ging los und drängelte sich vorwärts. Dort in dem Schuhgeschäft vielleicht, nein.
Er eilte weiter, direkt in den Lichthof mit künstlichen Palmen und einem kleinen Wasserfall. So viele Menschen, wie sollte er sie hier finden?
Robert starrte in fremde Gesichter, dann war es ihm wieder, als sehe er Clara.
Er entdeckte sie am Eingang des Kaufhauses und rannte beinahe ein Kind um. Clara wollte doch Ärztin werden, fiel ihm ein, ob sie es wohl geschafft hat. Robert war inzwischen schon zu stellvertretenden Filialleiter aufgestiegen. Irgendwie hatte er das Gefühl, er müsste ihr das mitteilen.
Im Kaufhaus fand er sich einem Gewimmel wieder, dass jede Aussicht sie zu finden, ins scheinbar Unendliche verkleinerte. Dichtgedrängt standen die Menschen auf Rolltreppen.
„Robert?“
Er stieß mit Sara zusammen.
Etwas verständnislos blinzelte er.
„Sara?“
Sara lachte.
„Ja, was machst du denn hier, ich denke, du wartest im Café auf mich?“
Robert schaute sie an, als wäre er aus einem Traum erwacht.
„Ich weiß nicht, ich sah hier jemand.“
„Wen denn?“
Sara trug in beiden Händen volle Einkaufstüten. Er nahm sie ihr ab.
„Ach, ist wohl nicht so wichtig, komm wir gehen.“
Sara hängte sich bei ihm ein. Sie lief schon ein wenig wie eine Ente watschelt, obwohl sie doch erst im sechsten Monat war. Robert ging mit ihr zum Ausgang. Er sah sich nicht mehr um.
„Jetzt brauche ich eine heiße Schokolade“, sagte Sara in sein Ohr.
Als sie am Café anlangten, setzten sie sich an den Tisch. Sein halbvolles Bierglas stand noch da.
Die junge Kellnerin erschien, sie lächelte.
„Ich dachte schon, Sie prellen die Zeche.“
Robert grinste.
„Nee, nee, ich habe nur meine Frau abgeholt, sie möchte eine heiße Schokolade.“
Mukono - 29. Apr, 16:31
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