Dichtung und Wahrheit
Die Frau legt das Buch auf den kleinen Tisch des Cafés, dass es jeder sehen kann. Goethes „Dichtung und Wahrheit“, sie legt es demonstrativ hin. Den Titel kann jeder Gast lesen, sie hat es verkehrt herum gelegt. Sie bestellt einen Milchkaffee und schaut sich verstohlen um her. Wer liest so etwas heutzutage noch?
Aber sein Argument im Chat war auch wieder einleuchtend. An diesem Buch würde er sie unvermeidlich erkennen.
Hast du das Buch denn schon gelesen, hatte sie ihn neckisch gefragt. Nö, hatte er geantwortet und ein Zwinkerzeichen nachgereicht, aber es gehört zu meinen großen Plänen, es in der Zukunft wenigstens einmal zu versuchen.
Du wirst nach zwanzig Seiten aufgeben, und sie hatte ebenfalls gezwinkert.
So viele Chatstunden hatte sie mit ihm verbracht. Wenn sie sich jetzt nicht zu einem Treffen entschlossen hätten, wäre ihre Beziehung nichts weiter als eine der vielen, dieser bunt schillernden Seifenblasen des Internets, die schon beim ersten Zusammenprall mit der Wirklichkeit zerplatzen. Und es bleibt nichts weiter übrig als klebriges Seifenwasser.
Von Stunde zu Stunde waren sie sich vertrauter geworden. Sie ist eine Witwe und er ist ein Witwer. Sie hatten beide Schicksalsschläge erlitten, und sie bleiben stark. Jedenfalls versicherten sie es sich regelmäßig, vielleicht ein paar Mal zu oft, dass sie stark bleiben.
Wer weiß schon von den Tausend Nächten der Einsamkeit, die wie finstere Gestalten ihr Leben begleiten? Auch er sprach nie von der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe. Aber sie konnte gut zwischen den Zeilen lesen.
Meist chatteten sie tagsüber, wenn die Gespenster sich verkrochen haben. Und es entstand eine heitere Vertraulichkeit.
Sie heißt Karin und er heißt Klaus. Und diese Namen sind echt.
Sie sind beide fünfzig Jahre alt.
Karin ist eine immer noch attraktive Frau, und sie hat ein sicheres Gespür entwickelt, dass Klaus es ernst meint.
Sie trinkt einen kleinen Schluck Kaffee. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es ist eine angenehme Aufgeregtheit.
In der U-Bahn hat ein kleines Baby mit ihr gelacht, und das war so schön wie die Sonne heute über Berlin. Die junge Mutter freute sich über das wortlose Gespräch Karins mit dem Baby, eine unverfälschte Sprache über die Lust am Leben, wie sie die Babys sprechen, wenn sie lachen.
Karin ist zwar selbst Großmutter eines Babys, aber ihre Schwiegertochter verhält sich sehr distanziert, fast eifersüchtig. So hat sie sich mehr und mehr zurückgezogen, weil sie nicht bereit ist, sich jemand aufzudrängen. Ihre Einsamkeit trägt sie möglichst mit der Würde einer erwachsenen und reifen Frau.
Klaus ist zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Karin ist alt genug, sie kennt das Leben – und sie ist nicht prüde.
Goethe hin, Goethe her, man weiß nie, wie sich etwas entwickelt. Vielleicht schlägt hier im Café der Blitz einer Liebe ein. Und bei einer Liebe gibt man sich hin ohne Wenn und Aber.
Kurzum, gestern war sie in einer Boutique und hat sich Reizwäsche gekauft.
Ist die nicht etwas zu gewagt, hatte sie etwas skeptisch die junge Verkäuferin gefragt. Das Mädchen lächelte verschwörerisch, bei Ihrer Figur ist das nicht gewagt, sondern genau richtig. Die junge und etwas ältere Frau lachten sich an wie zwei Schwestern, die wissen, worauf es ankommt – und Karin kaufte die Wäsche. Sie sitzt und trinkt Kaffee, und sie fühlt wieder diese angenehme Aufgeregtheit.
Der junge italienische Kellner erscheint.
Ob sie nicht Appetit auf frische Erdbeertorte mit Schlagsahne hätte, will er wissen.
Karin lächelt, vielleicht später, ich erwarte noch jemand.
Der Blick des Jungen fällt auf Dichtung und Wahrheit.
Komisch, sagt er, da hinten sitzt eine Dame, bei der liegt das gleiche Buch auf dem Tisch, und er geht.
Karin sitzt da wie betäubt. Vorsichtig dreht sie sich um. Tatsächlich, hinten in einer Nische sitzt eine Frau mit einem Buch auf dem Tisch. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen. Wie in Trance nimmt sie das Buch hoch und schlägt es wahllos auf. Sie liest: „Für alle Vögel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet.“ Mit einem Ruck schlägt sie das Buch wieder zu.
Als sie Klaus im Chat sagte, sie besitze aber „Dichtung und Wahrheit“ nicht, schrieb er, vor dem Café befindet sich ein kleines Antiquariat, die haben es bestimmt da. Er fügte noch hinzu, du bekommst es bestimmt preisgünstig und schob ein Zwinkern hinterher.
Und so war es. Der Ladenbesitzer war ein älterer und freundlicher Mann mit einem kurzem Vollbart. Er schaute sie über die Brille hinweg an und stutzte.
Dichtung und Wahrheit, fragte er, von Goethe, ich muss mal nachschauen. Dann verschwand er zwischen den unergründlichen Regalen. Und kehrte mit einem dicken Band zurück. Er lächelte. Eins war noch da.
Karin fühlte sich von seiner Freundlichkeit angezogen, auch hatte er einen sehr warmherzigen Blick.
Wie teuer, fragte sie.
Zwanzig Euro, sagte er, stutzte noch einmal und sagte dann, ich verkaufe es Ihnen für zehn, Das war schon eigenartig...
Karin brütet einige Minuten vor sich hin.
In einem plötzlichen Entschluss steht sie auf und geht zu der fremden Frau, die fast erschrocken hochschaut.
Entschuldigen Sie bitte, sagt Karin, haben Sie das Buch da eben im Antiquariat nebenan gekauft?
Ja, ja, die Frau schaut ängstlich wie ein scheuer Spatz.
Karin räuspert sich.
Wie viel haben Sie bezahlt, wenn ich fragen darf?
Ja, natürlich, die Frau ist sehr verlegen, zwanzig Euro.
Danke, sagt Karin.
Aber warum fragen Sie, die Stimme der Frau hält sie zurück.
Karin überlegt. Nur so, aber Sie sollten sich ein Stück Erdbeertorte bestellen.
Danach stürmt Karin zum Ausgang, Sie ruft dem Kellner zu, ich bin gleich wieder da.
Die Ladentür des Antiquariats hat eine kleine Glocke. Es herrscht ein mildes Licht. Und die Bücher in den Regalen erzählen Tausend Geschichten von Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe...
Klaus, ruft Karin. Ja, sie hört von hinten eine Stimme. Und sie sucht sich den Weg.
Er sitzt in einem kleinen Büro am Computer. Er hört sie und dreht sich um. Vor Schreck rutscht ihm die Brille von der Nase.
Chattest du gerade, fragt Karin und grinst.
Klaus läuft rot an.
Du, du bist, bist Karin, fragt er schließlich.
Karins Augen schleudern Blitze. Ja, und ich habe mir wegen dir verdammten Kerl extra neue Unterwäsche gekauft...
Klaus steht auf. Weißt du, das Geschäft läuft nicht so gut...
Von Karin fällt plötzlich die Wut ab wie eine faule Frucht vom Baum.
Klaus lächelt wie ein ertappter Schuljunge. Immerhin, sagt er, gab ich dir Rabatt. Er geht auf sie zu. Sein Blick ist ungeheuer sanft.
Und er streicht ihr über das Haar. Sie lehnt sich an ihn. Du verdammter Kerl, murmelt sie undeutlich.
Soll ich den Laden abschließen?
Erstaunt schaut sie hoch.
Warum?
Damit du mir die neue Unterwäsche zeigen kannst.
Sie kichert.
Ja, den Laden kannst du von außen abschließen und dann kaufst du mir im Café ein Stück Erdbeertorte. Dort wartet ja auch eine liebe Bekannte.
Und die Unterwäsche, fragt Klaus.
Die Antwort bleibt ihm Karin schuldig.
Aber sein Argument im Chat war auch wieder einleuchtend. An diesem Buch würde er sie unvermeidlich erkennen.
Hast du das Buch denn schon gelesen, hatte sie ihn neckisch gefragt. Nö, hatte er geantwortet und ein Zwinkerzeichen nachgereicht, aber es gehört zu meinen großen Plänen, es in der Zukunft wenigstens einmal zu versuchen.
Du wirst nach zwanzig Seiten aufgeben, und sie hatte ebenfalls gezwinkert.
So viele Chatstunden hatte sie mit ihm verbracht. Wenn sie sich jetzt nicht zu einem Treffen entschlossen hätten, wäre ihre Beziehung nichts weiter als eine der vielen, dieser bunt schillernden Seifenblasen des Internets, die schon beim ersten Zusammenprall mit der Wirklichkeit zerplatzen. Und es bleibt nichts weiter übrig als klebriges Seifenwasser.
Von Stunde zu Stunde waren sie sich vertrauter geworden. Sie ist eine Witwe und er ist ein Witwer. Sie hatten beide Schicksalsschläge erlitten, und sie bleiben stark. Jedenfalls versicherten sie es sich regelmäßig, vielleicht ein paar Mal zu oft, dass sie stark bleiben.
Wer weiß schon von den Tausend Nächten der Einsamkeit, die wie finstere Gestalten ihr Leben begleiten? Auch er sprach nie von der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe. Aber sie konnte gut zwischen den Zeilen lesen.
Meist chatteten sie tagsüber, wenn die Gespenster sich verkrochen haben. Und es entstand eine heitere Vertraulichkeit.
Sie heißt Karin und er heißt Klaus. Und diese Namen sind echt.
Sie sind beide fünfzig Jahre alt.
Karin ist eine immer noch attraktive Frau, und sie hat ein sicheres Gespür entwickelt, dass Klaus es ernst meint.
Sie trinkt einen kleinen Schluck Kaffee. Natürlich ist sie aufgeregt, aber es ist eine angenehme Aufgeregtheit.
In der U-Bahn hat ein kleines Baby mit ihr gelacht, und das war so schön wie die Sonne heute über Berlin. Die junge Mutter freute sich über das wortlose Gespräch Karins mit dem Baby, eine unverfälschte Sprache über die Lust am Leben, wie sie die Babys sprechen, wenn sie lachen.
Karin ist zwar selbst Großmutter eines Babys, aber ihre Schwiegertochter verhält sich sehr distanziert, fast eifersüchtig. So hat sie sich mehr und mehr zurückgezogen, weil sie nicht bereit ist, sich jemand aufzudrängen. Ihre Einsamkeit trägt sie möglichst mit der Würde einer erwachsenen und reifen Frau.
Klaus ist zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Karin ist alt genug, sie kennt das Leben – und sie ist nicht prüde.
Goethe hin, Goethe her, man weiß nie, wie sich etwas entwickelt. Vielleicht schlägt hier im Café der Blitz einer Liebe ein. Und bei einer Liebe gibt man sich hin ohne Wenn und Aber.
Kurzum, gestern war sie in einer Boutique und hat sich Reizwäsche gekauft.
Ist die nicht etwas zu gewagt, hatte sie etwas skeptisch die junge Verkäuferin gefragt. Das Mädchen lächelte verschwörerisch, bei Ihrer Figur ist das nicht gewagt, sondern genau richtig. Die junge und etwas ältere Frau lachten sich an wie zwei Schwestern, die wissen, worauf es ankommt – und Karin kaufte die Wäsche. Sie sitzt und trinkt Kaffee, und sie fühlt wieder diese angenehme Aufgeregtheit.
Der junge italienische Kellner erscheint.
Ob sie nicht Appetit auf frische Erdbeertorte mit Schlagsahne hätte, will er wissen.
Karin lächelt, vielleicht später, ich erwarte noch jemand.
Der Blick des Jungen fällt auf Dichtung und Wahrheit.
Komisch, sagt er, da hinten sitzt eine Dame, bei der liegt das gleiche Buch auf dem Tisch, und er geht.
Karin sitzt da wie betäubt. Vorsichtig dreht sie sich um. Tatsächlich, hinten in einer Nische sitzt eine Frau mit einem Buch auf dem Tisch. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen. Wie in Trance nimmt sie das Buch hoch und schlägt es wahllos auf. Sie liest: „Für alle Vögel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet.“ Mit einem Ruck schlägt sie das Buch wieder zu.
Als sie Klaus im Chat sagte, sie besitze aber „Dichtung und Wahrheit“ nicht, schrieb er, vor dem Café befindet sich ein kleines Antiquariat, die haben es bestimmt da. Er fügte noch hinzu, du bekommst es bestimmt preisgünstig und schob ein Zwinkern hinterher.
Und so war es. Der Ladenbesitzer war ein älterer und freundlicher Mann mit einem kurzem Vollbart. Er schaute sie über die Brille hinweg an und stutzte.
Dichtung und Wahrheit, fragte er, von Goethe, ich muss mal nachschauen. Dann verschwand er zwischen den unergründlichen Regalen. Und kehrte mit einem dicken Band zurück. Er lächelte. Eins war noch da.
Karin fühlte sich von seiner Freundlichkeit angezogen, auch hatte er einen sehr warmherzigen Blick.
Wie teuer, fragte sie.
Zwanzig Euro, sagte er, stutzte noch einmal und sagte dann, ich verkaufe es Ihnen für zehn, Das war schon eigenartig...
Karin brütet einige Minuten vor sich hin.
In einem plötzlichen Entschluss steht sie auf und geht zu der fremden Frau, die fast erschrocken hochschaut.
Entschuldigen Sie bitte, sagt Karin, haben Sie das Buch da eben im Antiquariat nebenan gekauft?
Ja, ja, die Frau schaut ängstlich wie ein scheuer Spatz.
Karin räuspert sich.
Wie viel haben Sie bezahlt, wenn ich fragen darf?
Ja, natürlich, die Frau ist sehr verlegen, zwanzig Euro.
Danke, sagt Karin.
Aber warum fragen Sie, die Stimme der Frau hält sie zurück.
Karin überlegt. Nur so, aber Sie sollten sich ein Stück Erdbeertorte bestellen.
Danach stürmt Karin zum Ausgang, Sie ruft dem Kellner zu, ich bin gleich wieder da.
Die Ladentür des Antiquariats hat eine kleine Glocke. Es herrscht ein mildes Licht. Und die Bücher in den Regalen erzählen Tausend Geschichten von Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe...
Klaus, ruft Karin. Ja, sie hört von hinten eine Stimme. Und sie sucht sich den Weg.
Er sitzt in einem kleinen Büro am Computer. Er hört sie und dreht sich um. Vor Schreck rutscht ihm die Brille von der Nase.
Chattest du gerade, fragt Karin und grinst.
Klaus läuft rot an.
Du, du bist, bist Karin, fragt er schließlich.
Karins Augen schleudern Blitze. Ja, und ich habe mir wegen dir verdammten Kerl extra neue Unterwäsche gekauft...
Klaus steht auf. Weißt du, das Geschäft läuft nicht so gut...
Von Karin fällt plötzlich die Wut ab wie eine faule Frucht vom Baum.
Klaus lächelt wie ein ertappter Schuljunge. Immerhin, sagt er, gab ich dir Rabatt. Er geht auf sie zu. Sein Blick ist ungeheuer sanft.
Und er streicht ihr über das Haar. Sie lehnt sich an ihn. Du verdammter Kerl, murmelt sie undeutlich.
Soll ich den Laden abschließen?
Erstaunt schaut sie hoch.
Warum?
Damit du mir die neue Unterwäsche zeigen kannst.
Sie kichert.
Ja, den Laden kannst du von außen abschließen und dann kaufst du mir im Café ein Stück Erdbeertorte. Dort wartet ja auch eine liebe Bekannte.
Und die Unterwäsche, fragt Klaus.
Die Antwort bleibt ihm Karin schuldig.
Mukono - 5. Mai, 17:32
220
Elisabeth (anonym) - 7. Mai, 22:01
Dein Computer hat den Geischt aufgegeben. Traurig, traurig.
Was machen wir?
Ich kann dir leider kein Geld schicken.
Wenn ich es könnte, wäre ich froh.
Alles Liebe
Elisabeth
Was machen wir?
Ich kann dir leider kein Geld schicken.
Wenn ich es könnte, wäre ich froh.
Alles Liebe
Elisabeth
Mukono - 8. Mai, 18:23
Smile,
der Computer ist repariert, und ich konnte es auch bezahlen. Ein Wink des Schicksals, grins, fast genau die Summe habe ich in der Lotterie gewonnen. Das Schreiben geht weiter, wenn auch der Sonne angepasst, etwas gedrosselt. Irgendwie müsst ihr mich aushalten, nächste Woche mehr vom alten Mann und den Mädchen
:-)
Mukono
:-)
Mukono

smile
Auch gut.
Ich grüße Sie aus einem Internetcafé.
Mukono
PS Der alte Mann wird hoffentlich am Leben bleiben ;-)