Im Straßencafé
Die Sonne macht schläfrig und benommen, als hätte man Haschisch geraucht. Der Kaffee ist schwarz und heiß wie ihn die Beduinen in der Wüste trinken, und die Pfeife schmeckt vertraut süßlich nach Vanille.
Wenn ich die Augen schließen würde, könnte ich mich vier Jahre zurück versetzen an den Strand des Indischen Ozeans in der Nähe Malindis, in Kenya. Im Wind rauschen die Palmen.
Ich schließe aber nicht die Augen.
Ich sitze am Tisch eines Straßencafés und anstatt der Palmen rauschen die Autos über die schmutzige Straße Berlins...
Vom nahen Spielplatz schallt Kindergekreisch herüber. Am Nachbartisch sitzt ein Mann mit zwei Frauen und redet. Sie trinken Milchkaffee, außerdem stehen einige Gläser mit Cola auf dem Tisch.
Er redet in einem gleichmäßigen Singsang ohne Pause. Ich beobachte ihn verstohlen, was gar nicht notwendig ist. Seine Augen kleben am Gesicht der gegen über sitzenden Frau, aber irgendwie ist er auch in sich gekehrt und bemerkt mich nicht. Sein Gesicht ist jungenhaft, eine erste Falte hat sich auf der Stirn über der Nasenwurzel eingegraben. Seine Haare sind dick strähnig wie Schiffsseile, aber glänzen bereits grau. Zwischen den Strähnen sieht man die Glatze. Er ist anscheinend vor der Zeit gealtert. Er redet und redet und es ist so, als ob gleichmäßige Wellen in einer Unendlichkeit an den Strand spülen.
Ich verstehe nur Wortfetzen wie „meine Mitarbeiter“ oder „mein Projekt“ und „meine Therapeutin“. Hier wird er eine Spur lauter: Meine Therapeutin hat mir empfohlen einige Wochen nach Thailand zu reisen, aber ich bitte dich, was soll ich in Thailand?
Dann wird er wieder leiser. Er hebt kaum die Stimme an, aber spricht unentwegt, als wäre er ein Priester in der Messe, oder ein Krankenhausarzt bei der Visite...
Er hat den sinnlich breiten Mund wie einst Marlon Brando, doch ihm fehlt der brutale Unterkiefer des Proleten Brando. Der jungenhafte Mann am Nachbartisch mit den zu früh ergrauten Haaren ist die vergeistigte Form des Genussmenschen. Hat er Sexprobleme? Möchte ihn seine Therapeutin deswegen nach Thailand schicken? Ich werde es nie erfahren.
An meinen Tisch setzt sich eine junge Frau mit einem Baby im Arm, offenbar ist sie mit dem nächsten schon schwanger. Sie hat das typische Muttergesicht, weich und rund und eine Knollennase mittendrin. Sie ist nicht hübsch, aber wenn ihre Hormone rufen, findet sich immer ein Mann. Sie sieht so aus, als wenn sie außerhalb der Begattungszeit keinen Mann braucht. Zärtlich lallt sie mit dem Baby. Ich bin drauf gefasst, dass sie mit dem Stillen beginnt, aber die Zeit scheint nicht so weit zu sein. Ihre Kleidung ist etwas schmuddlig. Wie soll es anders sein, wenn andauernd ein Baby an ihr herumsabbert. Sie ist glücklich dabei.
Auch der immerzu redende Mann hat zwei Kinder. Seine Frau sitzt neben ihn. Sie hat das scharf geschnittenes Gesicht einer sehr leidenschaftlichen Frau, die im Sex keine Tabus kennt. Das Gerede ihres Mannes scheint sie unsäglich zu langweilen. Es stört sie auch nicht, dass seine Augen an die gegen überliegende Frau hängen wie Motten am Licht.
Diese ist auch ein wenig schlampig gekleidet aber ihr Rock ist lang und sehr rot. Ihr schwarzes T-Shirt klebt an ihrem Körper und man sieht dicke Fettringe um ihren Bauch. Das macht ihr aber nichts aus. Sie hat ein sehr schönes Gesicht, dunkelhäutig wie ein Mulattin. Sie hört dem Mann zu. Und dreht sich ab und zu eine Zigarette. Die Frau des Mannes raucht auch sehr stark, allerdings keine gedrehten. Sie unterhält sich halblaut mit der Mutter an meinem Tisch, welche ihr Baby schaukelt.
Ab und an erscheinen vom Spielplatz Kinder der Familien, um einen Schluck Cola zu trinken, verschwitzt und voll unendlicher Energie. Der Mann und seine Frau haben schon zwei ältere Kinder, vielleicht sieben, acht Jahre alt. Eine Mädchen und ein Junge, sie reden aufgeregt durcheinander. Die Mutter mit dem scharf geschnittenen Gesicht einer leidenschaftlichen Geliebten hört ihnen grinsend zu. Sie sagt etwas mit polnischem Akzent.
Die Mulattin neben mir hat einen schwarzen Jungen mit Kraushaar, einen waschechten Afrikaner. Wenn er kurz zum Colatrinken erscheint, hängen die Augen des ewig redenden Mannes an ihn, als bewundere er seine Schönheit. Seine eigenen Kinder sind nicht schön. Vielleicht stellt er sich auch den Sex der neben mir sitzenden Mulattin im sehr roten Rock mit einem Afrikaner vor.
Beim Reden wird sein Blick melancholisch.
Die ganze Straße ist voller Kleinkinder, die Dreirad fahren oder Roller. Ab und zu drängelt sich eine Radfahrerein oder ein Radfahrer durch das Gewimmel. An den Bäumen lehnen unzählige Fahrräder.
Über allem scheint unentwegt die heitere Sonne weiter.
Alle trinken Milchkaffee. Die knochendünne Kellnerin erscheint. Sie ist an den Armen von den Schultern bis zu den Händen tätowiert. Ich bestelle mir ein Guinness und zünde mir eine zweite Pfeife an.
Rechts von mir lassen sich neue Gäste nieder. Den dicken weißhaarigen Mann mit dem Pferdeschwanz kenne ich vom Sehen mindestens schon zehn Jahre. In der Zeit hatte ich vier Frauen gehabt. Er hat immer noch die gleiche. Sie besitzt wie schon ewig das aufgedunsene Gesicht einer Alkoholikerin. In ihrer Jugend war sie sicher eine sehr attraktive Blondine, jetzt ist sie auseinander gegangen wie ein Hefeteig und ihr Gesicht ist rotfleckig. Wie immer haben sie einen großen Hund dabei. Der wievielte wird es inzwischen sein? Da ich ein Hundehasser bin, ignoriere ich ihren Gruß. Ich hasse jedenfalls große Hunde in einer Großstadt.
Die Frau bestellt sich Rotwein der Pferdeschwanzmann wie immer Milchkaffee... als würde dieses Leben nie enden.
Ich träume ein wenig. Ehe ich mich versehe, sitzt du neben mir und kuschelst dich an mich. Du kicherst etwas. Na, beobachtest du immer noch die Welt. Ich sehe sie mit deinen Augen, sage ich leise und streichle dir die Hand. Sie dreht sich weiter auch ohne dich...
Wenn ich die Augen schließen würde, könnte ich mich vier Jahre zurück versetzen an den Strand des Indischen Ozeans in der Nähe Malindis, in Kenya. Im Wind rauschen die Palmen.
Ich schließe aber nicht die Augen.
Ich sitze am Tisch eines Straßencafés und anstatt der Palmen rauschen die Autos über die schmutzige Straße Berlins...
Vom nahen Spielplatz schallt Kindergekreisch herüber. Am Nachbartisch sitzt ein Mann mit zwei Frauen und redet. Sie trinken Milchkaffee, außerdem stehen einige Gläser mit Cola auf dem Tisch.
Er redet in einem gleichmäßigen Singsang ohne Pause. Ich beobachte ihn verstohlen, was gar nicht notwendig ist. Seine Augen kleben am Gesicht der gegen über sitzenden Frau, aber irgendwie ist er auch in sich gekehrt und bemerkt mich nicht. Sein Gesicht ist jungenhaft, eine erste Falte hat sich auf der Stirn über der Nasenwurzel eingegraben. Seine Haare sind dick strähnig wie Schiffsseile, aber glänzen bereits grau. Zwischen den Strähnen sieht man die Glatze. Er ist anscheinend vor der Zeit gealtert. Er redet und redet und es ist so, als ob gleichmäßige Wellen in einer Unendlichkeit an den Strand spülen.
Ich verstehe nur Wortfetzen wie „meine Mitarbeiter“ oder „mein Projekt“ und „meine Therapeutin“. Hier wird er eine Spur lauter: Meine Therapeutin hat mir empfohlen einige Wochen nach Thailand zu reisen, aber ich bitte dich, was soll ich in Thailand?
Dann wird er wieder leiser. Er hebt kaum die Stimme an, aber spricht unentwegt, als wäre er ein Priester in der Messe, oder ein Krankenhausarzt bei der Visite...
Er hat den sinnlich breiten Mund wie einst Marlon Brando, doch ihm fehlt der brutale Unterkiefer des Proleten Brando. Der jungenhafte Mann am Nachbartisch mit den zu früh ergrauten Haaren ist die vergeistigte Form des Genussmenschen. Hat er Sexprobleme? Möchte ihn seine Therapeutin deswegen nach Thailand schicken? Ich werde es nie erfahren.
An meinen Tisch setzt sich eine junge Frau mit einem Baby im Arm, offenbar ist sie mit dem nächsten schon schwanger. Sie hat das typische Muttergesicht, weich und rund und eine Knollennase mittendrin. Sie ist nicht hübsch, aber wenn ihre Hormone rufen, findet sich immer ein Mann. Sie sieht so aus, als wenn sie außerhalb der Begattungszeit keinen Mann braucht. Zärtlich lallt sie mit dem Baby. Ich bin drauf gefasst, dass sie mit dem Stillen beginnt, aber die Zeit scheint nicht so weit zu sein. Ihre Kleidung ist etwas schmuddlig. Wie soll es anders sein, wenn andauernd ein Baby an ihr herumsabbert. Sie ist glücklich dabei.
Auch der immerzu redende Mann hat zwei Kinder. Seine Frau sitzt neben ihn. Sie hat das scharf geschnittenes Gesicht einer sehr leidenschaftlichen Frau, die im Sex keine Tabus kennt. Das Gerede ihres Mannes scheint sie unsäglich zu langweilen. Es stört sie auch nicht, dass seine Augen an die gegen überliegende Frau hängen wie Motten am Licht.
Diese ist auch ein wenig schlampig gekleidet aber ihr Rock ist lang und sehr rot. Ihr schwarzes T-Shirt klebt an ihrem Körper und man sieht dicke Fettringe um ihren Bauch. Das macht ihr aber nichts aus. Sie hat ein sehr schönes Gesicht, dunkelhäutig wie ein Mulattin. Sie hört dem Mann zu. Und dreht sich ab und zu eine Zigarette. Die Frau des Mannes raucht auch sehr stark, allerdings keine gedrehten. Sie unterhält sich halblaut mit der Mutter an meinem Tisch, welche ihr Baby schaukelt.
Ab und an erscheinen vom Spielplatz Kinder der Familien, um einen Schluck Cola zu trinken, verschwitzt und voll unendlicher Energie. Der Mann und seine Frau haben schon zwei ältere Kinder, vielleicht sieben, acht Jahre alt. Eine Mädchen und ein Junge, sie reden aufgeregt durcheinander. Die Mutter mit dem scharf geschnittenen Gesicht einer leidenschaftlichen Geliebten hört ihnen grinsend zu. Sie sagt etwas mit polnischem Akzent.
Die Mulattin neben mir hat einen schwarzen Jungen mit Kraushaar, einen waschechten Afrikaner. Wenn er kurz zum Colatrinken erscheint, hängen die Augen des ewig redenden Mannes an ihn, als bewundere er seine Schönheit. Seine eigenen Kinder sind nicht schön. Vielleicht stellt er sich auch den Sex der neben mir sitzenden Mulattin im sehr roten Rock mit einem Afrikaner vor.
Beim Reden wird sein Blick melancholisch.
Die ganze Straße ist voller Kleinkinder, die Dreirad fahren oder Roller. Ab und zu drängelt sich eine Radfahrerein oder ein Radfahrer durch das Gewimmel. An den Bäumen lehnen unzählige Fahrräder.
Über allem scheint unentwegt die heitere Sonne weiter.
Alle trinken Milchkaffee. Die knochendünne Kellnerin erscheint. Sie ist an den Armen von den Schultern bis zu den Händen tätowiert. Ich bestelle mir ein Guinness und zünde mir eine zweite Pfeife an.
Rechts von mir lassen sich neue Gäste nieder. Den dicken weißhaarigen Mann mit dem Pferdeschwanz kenne ich vom Sehen mindestens schon zehn Jahre. In der Zeit hatte ich vier Frauen gehabt. Er hat immer noch die gleiche. Sie besitzt wie schon ewig das aufgedunsene Gesicht einer Alkoholikerin. In ihrer Jugend war sie sicher eine sehr attraktive Blondine, jetzt ist sie auseinander gegangen wie ein Hefeteig und ihr Gesicht ist rotfleckig. Wie immer haben sie einen großen Hund dabei. Der wievielte wird es inzwischen sein? Da ich ein Hundehasser bin, ignoriere ich ihren Gruß. Ich hasse jedenfalls große Hunde in einer Großstadt.
Die Frau bestellt sich Rotwein der Pferdeschwanzmann wie immer Milchkaffee... als würde dieses Leben nie enden.
Ich träume ein wenig. Ehe ich mich versehe, sitzt du neben mir und kuschelst dich an mich. Du kicherst etwas. Na, beobachtest du immer noch die Welt. Ich sehe sie mit deinen Augen, sage ich leise und streichle dir die Hand. Sie dreht sich weiter auch ohne dich...
Mukono - 8. Mai, 19:42
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