Der alte Mann und das Mädchen 21

21

Am Nachmittag sitzt Nuu in der prallen Sonne auf dem Balkon. Sie hat die Füße auf den Tisch gelegt und schaut durch das Gitter auf die Straße. Neben ihren Füßen steht eine Tasse Kaffee, und Nuu raucht eine Zigarette. Es ist friedlich hier, und sie genießt ihren Urlaub. Der alte Mann ist schon erstaunlich selbstständig. Am Vormittag war der Doktor da und hat ihn untersucht. Er hat Nuu angelächelt und gesagt, er schläft sich gesund, es ist ein Wunder in seinem Alter.
Der Doktor ist ein guter Mann, er stellte keine Fragen. Jetzt hat er die Medikamentendosis herabgesetzt. Während er das Stethoskop abnahm, hatte er einen winzigen Moment gezögert und Nuu angeschaut. Aber noch keine körperlichen Anstrengungen für ihn. Um seine schmalen Lippen wehte ein winziges Lächeln, wie eine Mücke im Gras. Nuu lächelte auch wie eine Mücke im Gras und antwortete, ich passe auf, Herr Doktor. Dann verschwanden die beiden Mücken.

Nuu träumt in den blauen Himmel hinein. Hier ist der Himmel nicht so blau wie in Thailand, ein winziger Schleier liegt darüber wie eine dünne Gardine. In Thailand ist es bei solch einem Sonnenschein brütend heiß, aber die Frauen auf den Reisfeldern singen, als würde es ihnen nichts ausmachen.
Deine Liebe findet ihren Weg bis in die hohen Berge, wo mein Zuhause ist, singen die Frauen... Nuu träumt...
Sie beugt sich, die Stubentür klappert wie ein kleiner Schlagzeugwirbel, es ist wohl eine frische Brise, welche durch die Wohnung fegt, als wolle sie bewiesen, dass die Welt noch lebt an diesem stillen Nachmittag. Nuu hat auch im Schlafzimmer das Fenster einen Spalt breit geöffnet. Auf dem Gehweg gegenüber spielen zwei Jungen Ball, als wären sie einem Kindheitstraum entstiegen...
Na, genießt du die Sonne, das ist die knarrende Stimme des alten Mannes, der plötzlich neben ihr steht wie ein Schatten, wenn eine Wolke vorüber zieht.
Nuu lächelt, du hast dich ja angezogen.
Tatsächlich trägt er er seinen samtenen Hausanzug in violett. Nuu lacht, er sieht aus wie ein alter Straßenclown.
Ja, antwortet Hans Kohn, darf ich mich setzen?
Du bist hier zu Hause, Nuu lächelt und zieht die Füße vom Tisch. Sie stellt sich hin und klappt den Sonnenschirm auf, dass er im Schatten sitzt.
So bekommst du keinen Sonnenstich, Nuu lächelt unentwegt.
Danke, sagt Hans Kohn, du bist überaus freundlich zu mir.
Nuu setzt sich wieder. Sie lacht mit den Augen. Das kostet dich auch zweihundert Euro am Tag. Möchtest du einen Kaffee trinken?
Er winkt ab, vielleicht später. Dann lächelt er. Das Geld hast du dir verdient.
Es ist still und friedlich. Nur der springende Ball vom Gehweg gegenüber ist zu hören. Manchmal kommt ein Kinderlachen auf.
Das Mädchen schaut den alten Mann an und der alte Mann schaut das Mädchen an. Minutenlang. Es ist, als ob eine elektrische Spannung zwischen ihnen entsteht. Irgend eine geheimnisvolle Aufladung zwischen den Energien ihrer Seelen. Jeder wartet auf das erste Wort.
Nuu besinnt sich, in den Augen des alten Mannes entdeckt sie die Sanftheit, ja eine gewisse Zärtlichkeit und Zuneigung, aber nicht die übliche Begierde eines Freiers. Als könne er ihre Gedanken lesen, sagt Hans Nuu, nun kann ich dich in Zukunft nicht mehr als Hure bestellen. Ja, antwortet Nuu, weil ich dich in einem Moment der Schwäche gesehen habe.
Es ist, als ob er ihren Worten nachlausche wie ein Echo aus der Vergangenheit.
Du hast mir das Leben gerettet, sagt er schließlich.
Das musste ich tun, sagt Nuu.
Und sie genießen wieder das Schweigen, das zwischen ihnen ein Band knüpft.
Der Wind ist sanft und erzählt ein Lied. Und sie hören zu.
Es wäre ein guter Moment gewesen zu sterben, sagt Hans Kohn.
Wann wir sterben, können wir nicht selbst bestimmen, es steht in einem großen Buch, das Leben ist nicht unser Eigentum...
Wir können es selbst beenden, antwortet Hans Kohn.
Aber warum, antwortet Nuu, der Tod ist auch so unausweichlich.
Er schweigt und denkt nach.
Hast du eigentlich keine Familie, fragt Nuu.
Sie sind alle schon lange tot.
Dann sitzen sie wieder schweigend. Das Schweigen kann manchmal sein wie ein scharfes Schwert zwischen den Menschen. Aber so war es nicht zwischen ihnen.
Keine Kinder, fragt Nuu.
Er denkt lange nach. Dann sagt er langsam. Ich hatte eine Frau und einen Sohn, sie sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, aber das ist schon über fast dreißig Jahre her.
Nuu wartet, ob er noch mehr erzählen würde. Aber er schaut stumm auf die Straße, auf die spielenden Kinder. Schließlich sagt er doch etwas, weil er spürt, dass sie darauf wartet.
Der Junge war so alt wie diese Kinder vielleicht dort.
So viele Lieder kennt das Leben, traurige, lustige, Lieder der Liebe, der Sehnsucht und der Trauer. Wir singen sie lautlos, wenn wir träumen.
Hans Kohn lauscht den Worten Nuus.
Er atmet schwer.
Hast du deine Frau und deinen Sohn geliebt.
Jetzt blickt er sie, und sie fühlt eine Kälte.
Nein, antwortet er schließlich, aber sie haben mich geliebt. Er neigt etwas nachdenklich den Kopf, vielleicht zu sehr.
Man kann nie zu sehr lieben, hast du nie geliebt, fragt Nuu.
Ich bin müde, er antwortet seufzend, ich gehe wieder ins Bett. Er steht auf und geht zurück ins Schlafzimmer. An der Tür dreht er sich um.
Hast du jemand, den du liebst, Nuu?
1117

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

logo

Mukonos Tagebuch

Erster Eintrag

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Das dunkle Auge der Nacht
(nach einer Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann) Paul,...
Mukono - 9. Jul, 01:26
Mein kleiner lieber Kobold
Es dauert immer eine Weile, ehe ich nach dem Mittagsschlaf...
Mukono - 6. Jul, 18:53
Die Reise 4
4 Er wachte auf wie ein Krokodil, dass hundert Jahre...
Mukono - 4. Jul, 02:43
Armin Müller-Stahl
So ist gut. Die Kühle kommt wie ein guter Whisky...
Mukono - 3. Jul, 02:27
Erdbeerzeit
Sie waren gut durch den Stau gekommen, denn Dieter...
Mukono - 2. Jul, 17:23

Alle Links in Popups öffnen

alle Links auf der aktuellen Seite in einem neuen Fenster öffnen 

Meine Kommentare

Danke, Kathrin,
lieben Gruß ins Wochenende. Ich möchte nichts...
mukono - 28. Jun, 15:12
danke
ich habe vergeblich versucht, es zu ändern. das...
mukono - 20. Jun, 00:54
danke
ich bin sehr angenehm überrascht über diese...
mukono - 5. Jun, 02:04
grins
Uff.
mukono - 5. Jun, 00:54
Die Zukunft gehört...
dann wird man eben Laptops herstellen, die sich wie...
mukono - 25. Mai, 13:10

kostenloser Counter

Button Styles

kostenloser Counter

Suche

 

Status

Online seit 1014 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 9. Jul, 01:26

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter