13
Mai
2008

Im Café

Im Café
Eine schöne kleine Ecke haben sie im neuen Café eingerichtet, wie geschaffen für mich. In aller Ruhe kann ich nachdenken, auf die Straße schauen, ungestört von den Gästen. Jeden Gast, der das Café betritt, kann ich beobachten. Jetzt zum Beispiel, tritt eine blonde Frau mittleren Alters ein. Sie wirft mir einen kurzen Blick zu, und schon ist sie verschwunden.
Lehne ich mich zurück, fühle ich mich ungestört, so wie ich es liebe.
Ich beschließe, mir das Leben zu nehmen, aber noch einmal darüber nachzudenken. Genau genommen, überlege ich, sind es zwei Aspekte, die ich in Erwägung ziehen muss, nämlich ob und wie. Also, ich werde mit dem ‚Ob’ anfangen. Der erste Grund fällt mir ein, und schon entsteht in meinem Kopf ein Gedanke, der diesen Grund entkräftet, ja zum Gegenteil wendet. Die blonde Frau guckt um die Ecke, sie schaut mich aufmerksam an und stört mich. Zum Glück verschwindet sie sofort wieder. Dann überlege ich den zweiten ‚Ob-Grund’. Na, er ist nicht zu entkräften, ich grinse, und auf einmal fällt mir völlig unerwartet auch für diesen zweiten ein Gegengrund ein. Das ist nicht zum Aushalten, irgendwie besitze ich ein bescheuertes Gehirn. Gerade wollte ich mir bei Susi, der niedlichen Kellnerin, einen teuren französischen Weinbrand bestellen, da habe ich auch den zweiten Grund entkräftet.
Es geht nicht anders: Ich muss mit diesem ‚Ob-Abwägen’ aufhören. Ich kenne mich schließlich lange genug, zum Schluss habe ich alle Gründe verworfen. Also ziehe ich einen Schlussstrich unter ‚ob’ und beschließe einfach, ich nehme mir das Leben, weil das Leben nicht lebenswert ist. Wieder muss ich grinsen und denke, das war gut, damit habe ich meinem eigenen Kopf ein Schnippchen geschlagen. Genau in diesem Moment blickt die blonde Frau wieder um die Ecke, ein wenig länger, ein wenig aufmerksamer. Sie stört mich.
Susi kommt, warum heißen alle jungen Kellnerinnen, auch blond, in Berlin eigentlich Susi?
„Hast du noch einen Wunsch?“
„Nee, die Tasse ist noch halb voll, nachher trink ich ’n Bier, ich sag’ dir Bescheid.“
So, nun bin ich wieder ungestört.
Wie werde ich mir das Leben nehmen? Tabletten? Das ist nicht sicher. Nachher wacht man blöde auf und hat überhaupt keine Lust mehr, sich das Leben zu nehmen. Aufhängen? Ja, das wäre nicht schlecht. Doch, wie ich mich kenne, reißt der Strick oder löst sich der Haken. Ich hätte nicht gedacht, dass das ‚Wie’ so schwierig ist.
Auf der Straße zieht ein Riesenlaster vorüber, ein Brummi. Das Fahrzeug fährt mindestens fünfzig, und das in der dreißiger Zone. Ja, das ist es, ein Zeichen! Alle fahren viel zu schnell. Ich werfe mich ganz einfach vor eine solche Höllenmaschine, sie hat einen langen Bremsweg. Für den Fahrer ist das eine gute Lektion. In der Bildzeitung machen sie eine Kampagne, und in Zukunft fahren alle Brummis ordentlich langsam. Mit meinem Tod habe ich vielleicht Kindern noch das Leben gerettet. Ich lächle verklärt, endlich einmal funktioniert mein Gehirn normal. In diesem Moment setzt sich die blonde Frau doch neben mich, in meine Nische!
„Hallo“, sagt sie.
„Hallo.“
„Sie machen aber einen zufriedenen und glücklichen Eindruck.“
„Ja?“
Auf einmal beginnt sie zu weinen. Na, das hat mir gerade noch gefehlt.
„Was ist denn, warum weinen Sie?“
Sie zieht die Nase hoch.
„Ach, mein Leben ist so beschissen, ich habe die Schnauze voll.“
„Aber, aber“, spreche ich beruhigend auf sie ein, „das Leben ist so schön, wenn weiße Wolken am blauen Himmel wundervolle Bilder zaubern.“
Wir schauen beide durch das Fenster nach draußen. Grau hängt eine dicke Wolkenschicht wie Blei über der Stadt.
Sie bestraft mich mit einem langen vorwurfsvollen Blick.
„Na, ist ja nicht immer so, irgendwann kommt auch wieder die Sonne durch, und ihre Strahlen lassen die bunten Blätter der Kastanie dort gegenüber fröhlich leuchten.“
Regen setzt ein, und die ganze Stadt samt Kastanie wirkt schmutzig und düster.
„Hören Sie auf damit.“ Die blonde Frau flüstert unter Tränen.
„Waren Sie schon mal am Meer?“
„Mein Mann will immer nur in die Berge.“ Sie schnaubt sich endlich die Nase.
Trübe blickt sie mich an. Wie werde ich diese Frau wieder los?
„Seh’n Sie, immerhin haben Sie einen Mann, Sie können bei diesem Wetter mit ihm unter der warmen Decke schön kuscheln...“
Der Lärm eines vorbeidonnernden Brummis unterbricht unser Gespräch. Ich zünde mir eine Zigarette an und trinke einen winzigen Schluck Kaffee. Finster starrt mich die blonde Frau an.
„Wissen Sie, wie lange wir schon keinen Sex mehr hatten?“
„Bitte, ich bin für Sie eine wildfremde Person, das muss ich wirklich nicht wissen.“
„Zwei Jahre!“ Das ist der Aufschrei eines Tieres.
Ich ziehe gedankenschwer an meiner Zigarette. Dann spreche ich ganz behutsam:
„Dann lassen Sie sich scheiden und fangen noch einmal neu an.“
Die blonde Frau zieht trotzig die Mundwinkel nach unten, und die Tränen fließen wieder reichlich aus ihren blauen Augen.
„Aber ich liebe ihn doch.“ Sie krächzt etwas in ihrer Verzweiflung.
Ich drücke die Zigarette aus und antworte energisch:
„Sie haben mich überzeugt, machen Sie ein Ende.“
Sie trocknet sich die Tränen und haucht:
„Und wie?“
Ihr Gesicht ist kreidebleich.
„Geh’n Sie raus, wenn wieder so ein Brummi vorbeikommt, gehen Sie kurz vor ihm auf die Straße, Sie werden nicht viel merken, und Ihr Mann denkt, es war ein Unfall.“
Uff. Wo bleibt eigentlich Susi?
Die blonde Frau steht auf und spricht mit entschlossener Stimme:
„Danke, Sie haben mir sehr geholfen.“
Etwas steifbeinig verlässt sie das Café. Endlich erscheint Susi.
„Hat sie dich auch belästigt?“ Susi grinst.
„Wie?“ Ich gebe mich etwas begriffsstutzig.
„Na mit ihrem Scheiß Leben und so...“ Susi kichert.
Ich räuspere mich.
„Na ja, bisschen schon.“
„Und?“ Sie will gerade meine leere Tasse wegräumen.
„Ich habe ihr gesagt, wie sie es machen soll.“
Susi stutzt. Ich zünde mir schon wieder eine Zigarette an, ich rauche entschieden zu viel. Sie setzt sich.
„Du hast ihr gesagt, wie sie was machen soll?“
Ich lächle versonnen und schaue Susi an, ach, ich liebe es, schöne Menschen zu sehen.
„Ja“, ich schnippe die Zigarettenasche in den Becher, „wie sie ihr Leben beenden soll.“
Susi macht runde Augen und schlägt sich mit der flachen Hand vor den Mund, allerliebst.
„Und wie soll sie es machen, wie denn?“
Völlig ungerührt sage ich:
„Na, sie soll vor den nächsten Brummi, die hier andauernd vorbeifahren gehen, und das wär’s.“
Susi schaut mit mir durch das Fenster. Die blonde Frau steht am Straßenrand. Susi flüstert:
„Mein Gott, da kommt ein Brummi, ich hör ihn schon, wir kommen beide in die Bildzeitung als Zeugen.“
Ich sehe förmlich, wie Susi die Luft anhält, obwohl man in meinem Alter nicht dorthin sehen sollte.
Ich wollte gerade sagen, ‚du hast aber gute Ohren’, da erblicke ich den Brummi heranrasen.
Die blonde Frau tritt auf die Straße, Bremsen quietschen, Räder rutschen auf dem nassen Pflaster, der Brummi steht wippend – kurz vor der Frau. Der Fahrer springt aus der Kabine und schreit, hochrot ist sein Kopf:
„Hast du ’ne Scheibe oder wat, beinah hätt’ ick dir überfahren!“
Die blonde Frau schreit zurück:
„Du hast ’ne Scheibe, du fährst viel zu schnell!“
Susi schaut mich an, ich schaue Susi an. Susi grinst.
„Nix mit Bildzeitung.“
„Eine Sekunde“, antworte ich, „sie ist eine Sekunde zu früh auf die Straße gegangen.“
Seufzend steht Susi auf.
„Tja, da kann man nichts machen, du wolltest noch ein Bier?“
„Nee“, ich drücke die Zigarette aus, „bring mir ’nen guten französischen Weinbrand.“
1061
la-mamma - 13. Mai, 17:02

schöne geschichte!

und sie geht ja sogar gut aus;-) (wie man´s halt nehmen will)

Mukono - 13. Mai, 21:54

grins

mit einem bisschen mehr schwarzen Humor, hätte sie natürlich noch anders ausgehen können. Aber das habe ich mich nicht getraut :-)

danke für den Besuch

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