Takt für Takt
Das Wetter ist heiter und mein Gemüt ist es auch. Immerhin höre ich ein verträumtes Klavier klimpern, ich bin allein. Gleich werde ich mir einen Kaffee kochen, mich auf den Balkon setzen und mein Pfeifchen rauchen.
Ich brauche niemanden mehr etwas beweisen, mir selbst schon gar nicht. Mein Leben war okay so, wie es war, was noch kommt ist die Praline zusätzlich für danach. Es muss ja nicht sein. Ich bin auch so bereit für die große Reise.
Durch die Gitterstreben des Balkons kann ich schräg hinunter auf der Straße die Trinker sehen vor der kleinen Kneipe, in der das große Glas Bier nur einen Euro und zwanzig Cent kostet. Sie trinken schon seit dem Frühstück und jetzt ist Nachmittag. Irgendwann werden Wogen hoch schlagen wie der Sturm auf dem Meer es bewirkt, sie werden laut werden, vielleicht sich prügeln, weil ihr Leben verpfuscht ist wie bittere Galle. Was geht es mich an? Anschließend werden sie sich wieder brüderlich umarmen und weiter trinken. Das Leben rollt an den Strand der Wirklichkeit wie die Ebbe und die Flut, immer im gleichen Takt.
Ich könnte ins Internet gehen und mit Spielgeld pokern. Man gerät da leicht in eine angenehme Trance. Dort pokern die arbeitslosen Männer und Frauen, die Hartz IV Empfänger, sie beginnen am Morgen mit Tausend Euro und enden in der Nacht als Millionäre. Manche spielen jeden Tag, mir sind da schon Namen aufgefallen, die wieder kehren als hartnäckige Gespenster in ihren Scheinwelten... Geld, Geld, Geld. Nur können sie nicht mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau dafür kaufen... bunt schillernde Seifenblasen der Verlierer des Lebens... Spielgeld.
Das Leben ist so und manchmal so und meist nicht anders. Ich sitze auf dem Balkon, trinke heißen Kaffee, lese die Zeitung und rauche mein Pfeifchen. Wenn ich noch etwas möchte in diesem Leben, dann niemanden mehr weh tun. Dazu muss ich allein bleiben, ich bin mir selbst angenehm genug.
Wenn es einen Gott gibt, treibt er schon wieder sein grausames Spiel mit den Menschen. In Birma und China sterben sie zu Tausenden, und es sind so viele Kinder dabei. Was ist ein Menschenleben? Nichts, ein Hauch in der Ewigkeit, der innerhalb einer Sekunde verschwindet. Doch die Ewigkeit bleibt wie ein Stein am Meeresstrand. Auf und ab gehen die Wellen, Takt für Takt. Während in China Kinder sterben, als hätte eine große Hand eine Mücke erschlagen, krakeelen unten die Trinker ihr sinnloses Leben in die stille Straße. Was soll es? Bin ich ein Gott und verantwortlich? Nein.
Ich lese von der Phantomfrau, die seit fünfzehn Jahren die Polizei in Atem hält, weil sie unbekümmert genetische Spuren hinterlässt bei den schwersten Verbrechen wie Mord und Diebstahl. Niemand kam ihr bisher auf die Schliche. Auf sie schleudert kein Gott einen Steinschlag, wegen ihr bebt nicht die Erde...
Nachdenklich ziehe ich an der Pfeife. Da klingelt es.
Ich schlurfe zur Tür und öffne diese.
Im Flur steht A., sie ist bleich wie der Tod und ihre Augen flackern wie Mücken in der heißen Luft einer Sommerwiese.
Kann ich reinkommen, fragt sie, und ihre Stimme scheppert wie Glas, das zerbricht.
A. ist die Frau meines besten Freundes K., sie führen schon viele Jahre eine so genannte glückliche Ehe. Ich kenne sie als eine fröhliche und unbekümmerte Frau. Wir haben zu dritt manch heitere Stunde verbracht. Und die Leichtigkeit des Seins genossen, wie der Dichter sagt. Aber der Dichter nannte sie auch die unerträgliche Leichtigkeit.
Natürlich kannst du reinkommen, sage ich erstaunt, und in mir schwebt noch die sorglose Schwerelosigkeit des Sonnentages.
Sie huscht an mir vorbei in die friedliche Wohnung.
Du hast wohl auf dem Balkon gesessen, fragt sie mit zitternder Stimme.
Ja, antworte ich, es ist noch ein Platz frei, möchtest du auch einen Kaffee.
Lieber einen Schnaps, ihre Stimme erstickt an einem Schluchzen.
Dann sitzen wir gegenüber, ich falte die Zeitung zusammen. Sie stürzt den Schnaps in einem Zug herunter. Plötzlich grinst sie unvermittelt. Gib mir noch einen.
Ich schenke nach und hol mir auch ein Glas.
Hast du die Zeitung gelesen, fragt sie, und ich sehe Tränen in ihren Augen.
Dann proste ich ihr zu.
Was steht denn in der Zeitung, fragt A. Und ihr Grinsen bleibt mir unergründlich wie das Buch mit den sieben Siegeln.
Ich schweige und sammle mich.
Noch einen?
Ja, sagt sie.
Sie schaut mich an, und ihre Augen beruhigen sich.
Lange schaue ich sie an.
Ich denke, in der Zeitung steht nichts, was dich im Moment interessiert, es sei denn, du bist die geheimnisvolle Phantomfrau, die seit fünfzehn Jahren Verbrechen verübt und von der Polizei gesucht wird.
Jetzt grinst sie. Von der habe ich gehört.
Wir schweigen und schauen auf die Straße. Sie fingert mit flattrigen Händen nach einer Zigarette.
Was ist los, frage ich schließlich, willst du den Filter anzünden.
A. lacht bitter, danke, sie dreht die Zigarette um und raucht wie eine Todgeweihte vor der Hinrichtung. Gierig, als wolle sie das Leben trinken.
Ich lehne mich vorsichtig zurück.
Sie schaut mich an und macht dabei Schlitzaugen.
K. betrügt mich, sagt sie endlich, und jetzt ist ihre Stimme klar und eiskalt wie ein Gletscher am Nordpol.
Nein, bist du dir sicher?
Ich habe genügend Beweise, die Antwort ist eine geschossene Pistolenkugel,
Wir schweigen.
In mir entsteht ein hilfloses Gefühl, wie es ein Kind empfunden muss, welches sich gerade im Wald verirrt hat.
In die Pause hinein sagt A., ich habe beschlossen mich zu rächen.
Wie das?
Aus dem Radio klimpert das Klavier. Takt für Takt.
Indem ich mit seinem besten Freund schlafe. A. hat die Beine übereinander geschlagen. Sie drückt entschlossen die Zigarette aus.
Ich überlege.
Dann sage ich, komm, lass uns erst noch einen Schnaps trinken und schenke ein.
Ich brauche niemanden mehr etwas beweisen, mir selbst schon gar nicht. Mein Leben war okay so, wie es war, was noch kommt ist die Praline zusätzlich für danach. Es muss ja nicht sein. Ich bin auch so bereit für die große Reise.
Durch die Gitterstreben des Balkons kann ich schräg hinunter auf der Straße die Trinker sehen vor der kleinen Kneipe, in der das große Glas Bier nur einen Euro und zwanzig Cent kostet. Sie trinken schon seit dem Frühstück und jetzt ist Nachmittag. Irgendwann werden Wogen hoch schlagen wie der Sturm auf dem Meer es bewirkt, sie werden laut werden, vielleicht sich prügeln, weil ihr Leben verpfuscht ist wie bittere Galle. Was geht es mich an? Anschließend werden sie sich wieder brüderlich umarmen und weiter trinken. Das Leben rollt an den Strand der Wirklichkeit wie die Ebbe und die Flut, immer im gleichen Takt.
Ich könnte ins Internet gehen und mit Spielgeld pokern. Man gerät da leicht in eine angenehme Trance. Dort pokern die arbeitslosen Männer und Frauen, die Hartz IV Empfänger, sie beginnen am Morgen mit Tausend Euro und enden in der Nacht als Millionäre. Manche spielen jeden Tag, mir sind da schon Namen aufgefallen, die wieder kehren als hartnäckige Gespenster in ihren Scheinwelten... Geld, Geld, Geld. Nur können sie nicht mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau dafür kaufen... bunt schillernde Seifenblasen der Verlierer des Lebens... Spielgeld.
Das Leben ist so und manchmal so und meist nicht anders. Ich sitze auf dem Balkon, trinke heißen Kaffee, lese die Zeitung und rauche mein Pfeifchen. Wenn ich noch etwas möchte in diesem Leben, dann niemanden mehr weh tun. Dazu muss ich allein bleiben, ich bin mir selbst angenehm genug.
Wenn es einen Gott gibt, treibt er schon wieder sein grausames Spiel mit den Menschen. In Birma und China sterben sie zu Tausenden, und es sind so viele Kinder dabei. Was ist ein Menschenleben? Nichts, ein Hauch in der Ewigkeit, der innerhalb einer Sekunde verschwindet. Doch die Ewigkeit bleibt wie ein Stein am Meeresstrand. Auf und ab gehen die Wellen, Takt für Takt. Während in China Kinder sterben, als hätte eine große Hand eine Mücke erschlagen, krakeelen unten die Trinker ihr sinnloses Leben in die stille Straße. Was soll es? Bin ich ein Gott und verantwortlich? Nein.
Ich lese von der Phantomfrau, die seit fünfzehn Jahren die Polizei in Atem hält, weil sie unbekümmert genetische Spuren hinterlässt bei den schwersten Verbrechen wie Mord und Diebstahl. Niemand kam ihr bisher auf die Schliche. Auf sie schleudert kein Gott einen Steinschlag, wegen ihr bebt nicht die Erde...
Nachdenklich ziehe ich an der Pfeife. Da klingelt es.
Ich schlurfe zur Tür und öffne diese.
Im Flur steht A., sie ist bleich wie der Tod und ihre Augen flackern wie Mücken in der heißen Luft einer Sommerwiese.
Kann ich reinkommen, fragt sie, und ihre Stimme scheppert wie Glas, das zerbricht.
A. ist die Frau meines besten Freundes K., sie führen schon viele Jahre eine so genannte glückliche Ehe. Ich kenne sie als eine fröhliche und unbekümmerte Frau. Wir haben zu dritt manch heitere Stunde verbracht. Und die Leichtigkeit des Seins genossen, wie der Dichter sagt. Aber der Dichter nannte sie auch die unerträgliche Leichtigkeit.
Natürlich kannst du reinkommen, sage ich erstaunt, und in mir schwebt noch die sorglose Schwerelosigkeit des Sonnentages.
Sie huscht an mir vorbei in die friedliche Wohnung.
Du hast wohl auf dem Balkon gesessen, fragt sie mit zitternder Stimme.
Ja, antworte ich, es ist noch ein Platz frei, möchtest du auch einen Kaffee.
Lieber einen Schnaps, ihre Stimme erstickt an einem Schluchzen.
Dann sitzen wir gegenüber, ich falte die Zeitung zusammen. Sie stürzt den Schnaps in einem Zug herunter. Plötzlich grinst sie unvermittelt. Gib mir noch einen.
Ich schenke nach und hol mir auch ein Glas.
Hast du die Zeitung gelesen, fragt sie, und ich sehe Tränen in ihren Augen.
Dann proste ich ihr zu.
Was steht denn in der Zeitung, fragt A. Und ihr Grinsen bleibt mir unergründlich wie das Buch mit den sieben Siegeln.
Ich schweige und sammle mich.
Noch einen?
Ja, sagt sie.
Sie schaut mich an, und ihre Augen beruhigen sich.
Lange schaue ich sie an.
Ich denke, in der Zeitung steht nichts, was dich im Moment interessiert, es sei denn, du bist die geheimnisvolle Phantomfrau, die seit fünfzehn Jahren Verbrechen verübt und von der Polizei gesucht wird.
Jetzt grinst sie. Von der habe ich gehört.
Wir schweigen und schauen auf die Straße. Sie fingert mit flattrigen Händen nach einer Zigarette.
Was ist los, frage ich schließlich, willst du den Filter anzünden.
A. lacht bitter, danke, sie dreht die Zigarette um und raucht wie eine Todgeweihte vor der Hinrichtung. Gierig, als wolle sie das Leben trinken.
Ich lehne mich vorsichtig zurück.
Sie schaut mich an und macht dabei Schlitzaugen.
K. betrügt mich, sagt sie endlich, und jetzt ist ihre Stimme klar und eiskalt wie ein Gletscher am Nordpol.
Nein, bist du dir sicher?
Ich habe genügend Beweise, die Antwort ist eine geschossene Pistolenkugel,
Wir schweigen.
In mir entsteht ein hilfloses Gefühl, wie es ein Kind empfunden muss, welches sich gerade im Wald verirrt hat.
In die Pause hinein sagt A., ich habe beschlossen mich zu rächen.
Wie das?
Aus dem Radio klimpert das Klavier. Takt für Takt.
Indem ich mit seinem besten Freund schlafe. A. hat die Beine übereinander geschlagen. Sie drückt entschlossen die Zigarette aus.
Ich überlege.
Dann sage ich, komm, lass uns erst noch einen Schnaps trinken und schenke ein.
Mukono - 14. Mai, 18:03
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