15
Mai
2008

Der alte Mann und das Mädchen 22

22

Die Trägheit steigt wie ein Gift in den Adern des alten Mannes hoch bis in seinen Kopf hinein und breitet sich dort aus wie ein Nebel über dem Moor. Es sind die Medikamente, in den letzten zwanzig Jahren hat er nicht so viel geschlafen wie in diesen Tagen, die sich nun langsam dem Ende der Woche zuneigen. Jede Zeit in unserem Leben hat einen Anfang und ein Ende. Manchmal träumt er sich zurück bis zu seiner Geburt.

In den letzten beiden Abenden saß er mit Nuu auf dem Balkon, und sie genossen die abziehende Wärme aus der Stadt wie eine Erfrischung. Und er rauchte langsam seine Zigarre, deren Geschmack aber war der Geschmack der Entsagung. Ist denn das nicht die höchste Form der Liebe? Nuu schien ihn zu verstehen.
Ihre Gespräche plätscherten leise dahin, aber sie schwiegen auch viel, ohne dass das Schweigen wie ein scharfes Schwert war. Es war ein weiches Tuch, dass sie verband, als gäbe es nicht ein großes Leben zwischen ihnen, als existiere eine Brücke der Freundschaft.
Hans Kohn hatte in Nuu seine Liebe zu Judith wieder entdeckt, aber nichts im Leben ist wiederholbar. Er war ein alter Mann und Nuu war ein junges Mädchen. Schweigend hörte er ihren Erzählungen von Tao zu. Ich weiß nicht, sagte Nuu, ob ich ihn liebe. Aber du wirst es herausfinden, wenn du zurück gehst, antwortete Hans Kohn. Und er fühlte nicht den nagenden Schmerz der Eifersucht...

Heute hat er keine Medizin mehr eingenommen. Er wünschte sich am letzten Abend die Klarheit im Kopf zurück und Nuu verstand ihn. Trotzdem ist er noch traumselig. Die Dämmerung legt sich auf ihn wie eine mildtätige Decke. Nuu sitzt auf dem Balkon. Hans Kohn hört aus der Stube thailändische Musik. Langsam richtet er sich hoch. Über dem Stuhl hängt sein Hausanzug, und er zieht ihn an. Auf dem Sessel entdeckt er die Handtasche Nuus. Ganz leise und ganz vorsichtig öffnet er sie, bis er ihren Ausweis findet. Dann setzt er sich an den Schreibtisch und schreibt ihre Daten ab auf ein Blatt Papier, das er anschließend in einer Schublade versteckt. Als zweites schreibt er einen Scheck aus. Im Lichtschein der kleinen Lampe sitzt er einen Moment still und über seine zerfurchten Züge gleitet ein Lächeln, das ihn zu einem jungen Liebenden verzaubert. Er steht auf und steckt den Ausweis zurück in die Tasche.

Wenig später lächelt ihn Nuu auf dem Balkon an.
Morgen werde ich dich verlassen, sagt sie, ich habe noch für eine Woche eingekauft, da kannst du dich erholen.
Hans Kohn lächelt und setzt sich an den gedeckten Tisch. Nuu hat einen großen Obstteller und einen Gemüseteller zubereitet. Dazu in Schälchen gelben Reis.
Er isst ein wenig.
Ich habe dir dein Geld auf den Tisch gelegt, bemerkt er mehr beiläufig als wäre das eher eine unangenehme Angelegenheit zwischen ihnen, es ist ein Scheck, du kannst ihn dann einlösen. Dann zündet er die Zigarre an.
Nuu wartet.
Was möchtest du wissen, fragt Hans Kohn schließlich und der Qualm der Zigarre steigt schnurgerade in den Abendhimmel wie ein Geist der Vergangenheit. Nuu schaut ihn lange an, erzähle mir von deinen Eltern.
Er schaut dem Qualm hinterher, bringt ihn die Betrachtung in das Land seiner Kindheit?
Dann sagt er ganz leise, ich habe meinen Vater erschossen.
Zwischen ihnen fällt die Stille wie ein großer Stein. Nuus Augen sind wie runde Seen der Verwunderung. Sie wartet.
Ja, Hans Kohn seufzt etwas. Ich war sechzehn Jahre alt. Als ich ein Kind war, herrschten die Nazis in Deutschland. Mein Vater war so etwas wie ein strammer Nazi. Er sorgte dafür, dass meine große Liebe Judith in ein KZ gebracht wurde, dort wurden die Juden vergast.
Zu Tode gebracht und dann verbrannt. Die Nazis wollten alle Juden töten.
Wie vergast, fragt Nuu, und es scheint, als wenn sie die Luft anhält vor dieser Ungeheuerlichkeit.
Hans Kohn lacht trocken.
Du denkst, Deutschland ist ein zivilisiertes Land?
Vor seinem Auge erscheint das Bild des betrunken Vaters, der die Arme auf den Tisch gelegt hat. Er trägt die Uniform der SA und schnarcht. Von der Straße hört man die Schüsse der russischen Panzer. Der Junge Hans denkt, jetzt ist er auch noch zu feige sich zu erschießen. Die Pistole liegt auf dem Tisch. Er geht hin, sie ist entladen, dann nimmt er sie in die Hand, drückt sie an die Schläfe seines Vaters... Der Schuss zerplatzt wie ein Korken, den man aus der Flasche zieht. Seine Mutter kommt in die Stube und erfasst die Situation wie eine Hellsichtige.
Leg ihm die Pistole in die Hand, befiehlt sie und dann mach dich aus dem Staub. Ich möchte dich nie wieder sehen. Aus der Schläfe des Vaters rinnt das Blut wie Wasser aus einem schmutzigen Bach.
Ja, so war es, sagt der alte Mann, ich habe mich gerächt und seitdem nie wieder etwas von meiner Mutter gehört. Ein Onkel nahm mich auf. Später hörte ich, dass sie gestorben war.

Und darum konntest du nie wieder lieben, fragt Nuu leise.
Der alte Mann lächelte. Ich war immer ein Toter unter lauter Lebenden. In der Schönheit junger Mädchen versuchte ich, das Leben wiederzufinden.
Sie schweigen.
Er legt seine noch brennende Zigarre in den Aschenbecher und steht etwas mühselig auf. Ich gehe jetzt schlafen.
Die Nacht kommt wie ein schwarzes Tuch, dass über die Stadt gezogen wird. Der alte Mann liegt da mit offenen Augen. Jetzt kehren die schlaflosen Nächte der vertrauten Einsamkeit zurück.
Die Tür geht auf und das Mädchen erscheint. Es schaltet die Deckenlampe an, und der alte Mann sieht, dass es das rote Kleid trägt. Er schaut das Mädchen ernst an.
Es stellt sich vor dem Spiegel und zieht das Kleid Stück für Stück hoch, es ist ganz bleich. Schließlich steht es nackt da, und eine unendliche Wehmut breitet sich in ihm aus.
Soll ich mich zu dir legen, Hans, flüstert das Mädchen, und seine Worte tröpfeln wie aus der reinen Quelle eines Berges.
Zieh dich an, sagt der alte Mann sanft, und fahre jetzt nach Hause, Mädchen. Auf dich wartet noch ein ganzes Leben.

Nachdem die Wohnungstür hinter Nuu zuklappt, steht der alte Mann auf.
Er sitzt später im Sessel und wartet, dass die Zeit vergeht.
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