Der hungrige Engel

Die Sonne hat sich verzogen nach Afrika, wo die Menschen hungern, wenigstens sollen sie nicht frieren. Hier in Deutschland hat der Himmel einen dicken grauen Teppich ausgerollt, und ich beschließe mein Leben zu verschlafen. Jeden Tag ein paar Minuten mehr, bis ich die magischen vierundzwanzig Stunden erreicht habe. Dann wache ich nie wieder auf und kann an solchen trüben Tagen wie heute auf dem Teppich mit kleinen Engeln tanzen, die ihre Hemdchen ausziehen, wenn es ihnen zu warm wird. Wäre ich ein Kätzchen, würde ich im Schlaf schnurren vor Wohlbehagen. Mein Magen ist in der ganzen Geschichte der Teufel, der gefährlich knurrt und genährt werden möchte.
Missmutig unterbreche ich mein Dasein als Taugenichts und stelle mich unter die kalte Dusche. Wenig später fallen auf der Straße dicke warme Tropfen aus dem Regenteppich auf mich nieder. Platsch, platsch macht es auf meiner Glatze, und ich vergrabe die Hände in den Taschen und schiele nach oben. Über den Wolken tanzen die Engel fröhlich Samba oder so was, und hier unten grollt Trauermusik.
Mein Magen fordert sein Recht. Ich lenke meine Schritte zum Bäcker, dort gibt es Rühreier mit Speck, Zwiebeln und Tomaten und warme Brötchen dazu. Der Kaffee ist so stark, dass er Tote erweckt. Die netten jungen türkischen Frauen kennen mich schon, da brauche ich nicht so viel zu erzählen. Wie immer, reicht aus.
An der Ecke gegenüber sitzt eine junge Frau auf einem Sims unter einem Gesträuch. Mein Blick streift sie gleichgültig, aber ihre Augen lassen mich stutzen. Die Augen sind so leer wie unergründliche Abgründe, jenseits der Trauer und Verzweiflung, es sind die Augen eines hungrigen Menschen.
Ich möchte beileibe nicht aufdringlich sein, niemand auf der Welt kann sich seiner Eindrücke sicher sein. Zuerst schaue ich weg, dann schaue ich noch mal hin. Ihr Blick ist traumverloren, er geht durch mich durch. Aber sie schaut mich immerzu an. Ihr Mund ist ernst und angemessen traurig. Aber es ist eine seltsame Traurigkeit, als wäre ganz weit hinten ein übermütiges Lachen versteckt, Sambamusik eben.
Nun, es ist eine junge Frau, trotz ihres Hungers eine schöne junge Frau, überirdisch schön, und ich bin ein alter dicker Mann mit Glatze. Würde ich sie ansprechen, würde sie ja das Schlimmste von mir denken, was meine Absichten betrifft – und sie hätte damit auch noch recht.
Möglichst unauffällig überquere ich die Straße und schaue mich dort noch einmal um. Ihr hungriger Blick ist mir gefolgt. So soll ich jetzt frühstücken am frühen Nachmittag? Ich bleibe stehen, um nachzudenken. Nacheinander schelte ich mich selbst als einen schlafmützigen Taugenichts, eine Tunichtgut und dann, wenn auch zugegeben widerwillig, als einen alten lüsternen Greis.
Dann schaue ich wieder zur der Schönen. Ihr Blick ruht mit einer gewissen lässigen Erwartung auf mich.
Gibt es hier in der Stadt keine jungen erfolgreichen Geschäftsmänner, dynamisch und mit schwarzer Limousine, die dieses Elend bemerken?
Scheinbar nicht. Seufzend überquere ich mich über die Straße und stelle mich vor die junge Frau, die mich anschaut, als hätte sie ein Lächeln zu zeigen, aber so weit sind wir ja noch nicht.
Guten Tag, dürfte ich Sie zum Frühstücken in die Bäckerei einladen?
Jetzt lächelt sie in einer zauberhaften Mischung aus Schmerz und Fröhlichkeit.
Sie steht auf, klopft sich ihre Hose ab und sagt, gern, das ist sehr nett von Ihnen.
Ich stecke die Hände in den Taschen und schlendre betont lässig wieder über die Straße zu der Bäckerei. Die Schöne folgt mir einen halben Schritt danach.
Rühreier mit Schinken, frage ich.
Sie nickt lächelnd.
Kaffee?
Sie nickt genau so.
Bitte zweimal Frühstück wie gewohnt, sage ich zu der freundlichen türkischen Frau.
Dann setzen wir uns in den Gastraum.
Ihr Blick geht verträumt auf die Straße. Sie hat wunderbar zarte Hände, die sie faltet. Betet sie zu einem Gott? Bedankt sie sich?
Ich habe das untrügliche Gefühl, ihr ist nicht nach einem Gespräch zumute – und schweige und schaue ebenfalls auf die Straße.
Als das Frühstück von der freundlichen jungen Türkin serviert wird, beginnt sie sofort zu essen. Ich bin noch nicht zur Hälfte fertig, da hat sie schon alles verputzt.
Möchten Sie noch ein Croissant und einen Saft, frage ich und lege die Gabel hin.
Sie nickt. Ich stehe auf, um zu bestellen. Sie hält mich plötzlich an der Jacke fest. Ich gucke sie an.
Ein Marzipancroissant, sagt sie leise und jetzt lächelt sie wirklich.
Im Nu hat sie auch das verdrückt.
Dann steht sie auf und deutet tatsächlich so etwas wie einen Knicks an. Ich bedanke mich.
Nachdenklich schaue ich ihr nach.
Später, zu Hause, werde ich noch einmal müde. Da ich ein Taugenichts bin, lege ich mich auf die Couch zu einem Schläfchen.
Im Traum sehe ich sie wieder. Sie zeigt mir die Strickleiter durch den Wolkenteppich.
Ich schlafe selig – und tanze Samba auf dem Teppich mit meinem Engel.
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