Wenn die Nacht über mich kommt...

Das Radio röchelt noch einmal kurz wie ein Sterbender im Todeskampf, dann gibt es seinen Geist auf. Ich habe die Musik getötet, und die Stille ist plötzlich da wie ein warmer Hauch am Meer, wenn die Sonne untergegangen ist, und die Vögel einen Moment verstummen. Das Radio hatte geplärrt, das Saxophon jaulte wie ein junger Hund in der Vollmondnacht und das Klavier lärmte dagegen an, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.
Ich will nichts weiter als die Stille spüren. Keine Ablenkung soll meine Gedanken fesseln, als könnte ich die Einsamkeit nicht ertragen. Dabei ist die Einsamkeit mein guter Freund, der die Türen den Erinnerungen öffnet.

Dann versammeln sich in der stillen Wohnung die vielen Toten, und jeder sucht sich einen Platz. Sie lassen im Schoß die Hände ruhen, und ihre Gelassenheit geht auf mich über. Sie lächeln mich nachsichtig an.
Die eine war im Leben so ängstlich, jetzt ist sie endlich zur Ruhe gekommen. Keine Sehnsucht mehr nach Liebe, keine Eifersucht... ein sanftes Lächeln. Eine andere hat sich kaum geändert, ich hätte aber nie gedacht, dass beide Freundinnen werden. Dann der beste Freund, sein Leben war so wild und verworren, der Alkohol hat ihn zugrunde gerichtet. Auch er ist nun friedvoll, der Tod macht ihn wieder jung, ein unschuldiges Kind ist er nun und lacht mich an.
Nichts lenkt mich ab. Ich spüre die Liebe der Eltern, die Freundlichkeit der Tanten und Onkel, Klassenkameraden sehe ich wieder...so viele, so viele, Lehrer, Weggefährten... seid willkommen. Im Lärm der Tage sehe ich euch nicht. Nun im warmen Lichtschein der Stehlampe, wenn die Nacht über mich kommt und der Schlaf noch wartet. Ihr schaut mich an, ich kann nichts weiter sagen, ihr Traumgestalten. In Wahrheit seid ihr verwest, ich habe euch in meinen Erinnerungen. Wenn ich sterbe, werdet ihr auch verschwinden, irgendwo in das Nichts eintreten. Aber noch lebe ich ja und sehe euch.
Ihr ward alle gut zu mir. Danke.

Ich bin heute spät aufgestanden. Und das rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte wie ein Leuchtturm in der Nacht. Doch ich hörte nur ein leises Atmen und dann ein Knacken. Wer verstummte da? Das Leben ist so oft rätselhaft.

Wenn ich morgens noch verträumt im Bett liege, höre ich die Schranktüren der Küchenmöbel klappern und den Gesang meiner toten Liebe. Wenn ich dann in die Küche komme, ist der Tisch gedeckt, und der Tee dampft. Irgendwo verklingt ein Kichern. Ich wundere mich nicht.

C. rief am Tage an, als das Radio plärrte. Ob es mir gut ginge, wollte sie wissen. Aber ja, ich hörte erstaunt den nervösen Klang ihrer Stimme. Ob ich bei dem Wetter nicht ein wenig mit dem Rad fahren möchte, fragte sie.
Nein, sagte ich.
Aber das wäre doch so schön jetzt, die halbe Stadt fahre Fahrrad.
Ich gehöre zur zweiten Hälfte, antwortete ich.
Aber was ich denn den ganzen Tag über so tue, wollte sie wissen, sie klang sehr hilflos.
Nichts, sagte ich.
Und dir geht es wirklich gut?
Aber ja.
Soll ich nun den Depressiven spielen, um C. nicht zu enttäuschen?
Na denn, sagte sie – und legte auf. Und ich spürte ihre Ratlosigkeit.

Eine halbe Stunde später rief B. an. Ob alles in Ordnung sei mit mir?
Ich war gewarnt. Der Doktor hat mir verboten, Fahrrad zu fahren, sagte ich wegen möglicher Gleichgewichtsstörungen, aber sonst bin ich ganz okay. Manchmal hilft nur eine Lüge. Na, dann ist ja gut, meine B., und ich hörte seine Erleichterung.

Eine halbe Stunde später rief J. an. Ob ich eine neue Freundin hätte, wollte sie wissen. Ein paar, antwortete ich leicht hin. J. lachte.
Dann fragte ich J., was ich auch C. und B. gefragt hatte. Ob sie nämlich heute schon einmal angerufen hätte und nichts auf den Anrufbeantworter gesprochen... wie die anderen beiden, verneinte sie.
Das Leben ist voller Rätsel, sprach ich.
Pass auf dich auf, Papa, sagte J. Wenigstens sie macht sich keine Gedanken.

In Wahrheit warte ich doch nur auf die Nacht, wenn sie wieder über mich kommt und ich endlich das Radio ausschalte... So ist das.
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